Bayern 2, Kulturjournal, 10. Februar 2012, 18.05 Uhr

Claus Biegert im Gespräch mit Filmregisseur Costa-Gavras

Constantin Costa-Gavras

Constantin Costa-Gavras Foto ©Claus Biegert


AUTOR
Die Rue Saint Jacques, im 5. Arrondissement, ist eine der ältesten Straßen von Paris. Die Tür zur Straße neben der Konditorei ist dunkel, verwittert, nirgendwo Namensschilder. Im Hinterhaus nur eine Klingel, Costa-Gavras kommt sofort, springt nahezu, schlank, nur das silbergraue Haar gibt Hinweise, aber auf 79 würde man ihn nicht schätzen, ja, so möchte man auch aussehen im Alter. Wir gehen in die Küche, er füllt den Espressokocher, sucht und findet eine Packung Pralinen, dabei erzählt er. Im Moment ist er allein, seine Frau Michelle ist gestern nach London geflogen, dort lebt ihr gemeinsamer Sohn und dort gibt es seit kurzem einen Enkel, er wird nach diesem Interview zum Flughafen fahren. Wenn immer es die Arbeit zulässt, sind beide in London. Das Wohnzimmer ist mit Büchern tapeziert, Licht kommt von der Fensterwand zur kleinen Terrasse, dort wächst Bambus zwischen den Fliesen. Wach sitzt er auf der Couch, aufmerksam, wir tauschen Geschichten aus, er erzählt von Mikis Theodorakis und Dustin Hoffman und bedauert, nicht Französisch reden zu können, sein Englisch sei begrenzt, sagt er, mein Französisch sei mehr als mager, sage ich. Und so ist Englisch unsere Sprache. Wenn er erzählt, dann hält er die Filmarbeit frei von Glamour, er ist einer, der Spuren folgt, ein Beobachter, ein Handwerker des bewegten Bildes.

O-TON:
When was your political awakening? Was it step by step or was there one incident?

VOICE-OVER/AUTOR:
Wann und wie war Ihr politisches Erwachen? Passierte das Schritt für Schritt oder gab es ein Aha-Erlebnis?

O-TON:
Those things are coming from far away. It started in Greece when I was very young. There waqs the occupation. I saw people fighting against the occupation, then when I understood that my father was missing the house, he was fighting against the occupation, and then the civil war came up, there were a kind of mixed-up feelings: where is the truth, where is the fake? After the civil war the situation in Greece was so hard, especially for my family, I knew my father was a good man and he was accused of doing things against the state, they said he was a communist, my father was no communist, my father was against the king, because the king, when my father was in his twenties, he had to go to Turkey to fight against the Turks, he didn’t know why he had to go there and do this, He lost his job and while he was in jail, my mother had to work cleaning houses.

VOICE-OVER:
Die Ursachen liegen weit zurück. Als Kind sah ich in Griechenland, wie die Menschen gehen die deutsche, und später gegen die englische Besatzung kämpften, mein Vater kämpfte mit, dann kam der Bürgerkrieg und ich war ziemlich verwirrt: Was war die Wahrheit, was war Betrug? Fragen, die mich bis heute beschäftigen. Nach dem Bürgerkrieg ging es meiner Familie ziemlich schlecht. Mein Vater war ein guter Mensch, aber sie klagten ihn an, Kommunist zu sein. Mein Vater war kein Kommunist, er war gegen den König, denn für den musste er gegen die Türken ins Feld ziehen. Mein Vater verlor seine Arbeit und landete im Gefängnis, meine Mutter ging in dieser Zeit putzen, um die Familie zu ernähren.

O-TON:
The first time that I understood what was freedom, was when I came to France. I came to France because I couldn’t go to university in Greece, because of my father’s situation. He was accused of being a communist, so there was no way for me. When I came to France I discovered in the student houses, in the living room there was all kind of newspapers, left, right, center, royalists, there were still royalists in the fifties, I was amazed. And at the university they talked very openly, against the Soviet Union and against the Soviet Union, the communist party was open there, with 26% voting, and the state was giving to the young people the possibility to study. A situation we didn’t have in Greece.

VOICE-OVER:
Was Freiheit bedeutet, begriff ich erst als ich in Frankreich ankam. In Griechenland konnte ich nicht studieren, da mein Vater ja als angeblicher Kommunist im Gefängnis war. In Paris wohnte ich in einem Studentenheim, dort gab es im Gemeinschaftsraum alle möglichen Zeitungen, linke, rechte, gemäßigte, sogar königstreue. Und an der Universität gab es offene Aussprachen, gegen die Sowjet-Union und für die Sowjet-Union, die Kommunisten hatten immerhin 26 percent der Wähler hinter sich, die Universität war offen für alle. Ich konnte nur staunen, daheim gab es diese Freiheiten nicht.

O-TON:
Later when I met Jorge Semprún, Simone Signoret, Yves Montand, I was able to get into the circle, I saw you can critical of a party, not to be fanatics for a man, saying: this man will save us, this was the situation in Greece and unfortunately it is still, Papandreou will save us, Karamanlis will be our man, but both of us brought us into the shit where it is now.

VOICE-OVER:
Für mich öffnete sich ein Horizont, als ich Jorge Semprún kennen lernte, ebenso Simone Signoret und Yves Montand. Ich erkannte, dass man gegenüber einer Partei, der man nahe stand, durchaus kritisch sein konnte, und dass man nicht unbedingt einen starken Mann herbei wünschen musste, wie das in Griechenland der Fall war – und im Moment wieder der Fall ist: einmal ist Papandreou der Retter und dann Karamanlis, und im Grunde sind beide verantwortlich für die Scheiße, in der wir gerade stecken.

O-TON:
So, all this together, there is not a moment there is tens of moments- and tens of people. For example a young lady, there was a big fight in front of Sorbonne, with Le Pen, a young Le Pen, the communists were fighting and she said stay in a café, because you are a foreigner and they can throw you away from France. So I was a spectator, I saw the people fighting and thinking about, why they are fighting, who was right, who was wrong. That was a good lesson. To conclude: there were lessons and people.

VOICE-OVER:
Also all dies zusammen war verantwortliche für mein politisches Bewusstsein. Nicht ein Moment, sondern zig Momente, nicht ein Mensch, sondern zig Menschen. Da fällt mir die junge Dame ein, die mich während einer ziemlich tumultuösen Demonstration vor der Sorbonne ansprach, ich war noch Student, die Kommunisten protestierten gerade gegen den reaktionären Jean-Marie Le Pen, es ging ziemlich gewalttätig zu, und die Frau riet mir, in einem Cafe zu bleiben. Du bist ein Ausländer, sagte sie, und wenn sie dich fassen, wirst du des Landes verwiesen. Da saß ich also und wurde zum Zuschauer. Ich machte mir meine Gedanken: Wer ist im Recht? Wer im Unrecht? Das war eine gute Lektion. Zusammenfassend kann ich also sagen: Lektionen und Menschen haben mich geprägt.

O-TON:
What makes you angry?

VOICE-OVER / AUTOR:
Was macht Sie wütend?

O-TON:
Injustice makes me angry. And also the lack of respect and dignity. Both of those things are something which is very explosive. If you cannot react! My way of reacting is the cinema, there I have this possibility. There is people around the world who have no other way to react, so they pick up guns, I don’t justify that, of course, automatically, but I am thinking about that: what you do?

VOICE-OVER:
Ungerechtigkeit macht mich wütend. Ebenso, wenn es an Respekt und Würde mangelt. Das sind Faktoren, die eine Situation zum Eskalieren bringen können. Ohnmacht kommt noch hinzu. Ich reagiere auf ein Problem mit einem Film, den ich habe diese Möglichkeit. Das ist ein Privileg. Rund um die Welt aber gibt es Menschen, für die ist der Griff nach der Waffe der einzige Weg; damit will ich nicht sagen, dass ich das befürworte, ich will nur sagen, dass ich das Problem sehe und mir darüber Gedanken mache.

O-TON:
Are you looking for dialogue with people in the other political camp? Are you more a person of harmony or do you get exited, when you have a chance to argue?

VOICE-OVER/AUTOR:
Suchen Sie den Dialog mit Andersdenkenden? Streiten Sie sich gerne oder sind Sie mehr ein Mensch, der Harmonie sucht?

O-TON:
I am not participating in this kind of discussions. I like to listen to people, and especially when they fight for political reasons, live on television, it happens all the time. I try to understand the feelings of each one and the why. Where the passion is coming from? Why do we have that much passion about politics? Probably we need always a father, or a god, someone to tell us what truth is but I think truth is not so easy to find. There are so many truths in politics. But probably we do need someone to show us the way… I always thought it’s better to listen and to see different positions and philosophies and decide for your own way. Because it comes from inside if we make a choice, if someone tells us what to do, it comes from the outside, and I think then it will be a problem. And this is the case with a lot of people.

VOICE-OVER:
Nein, politische Diskussionen mit Gegnern führe ich nicht. Ich habe mich für das Zuhören entschieden. Wenn sich politische Gegner in den Haaren liegen, was ja im Fernsehen live immer wieder geschieht, dann schau ich zu und lausche und versuche, mich in jede Seite hineinzudenken. Ich versuche zu ergründen, woher die Passion kommt. Warum erregt uns die Politik so? Brauchen wir immer eine Vaterfigur? Einen Gott etwa, der uns sagt, wo die Wahrheit zu suchen ist? Die Wahrheit ist in der Politik nicht so leicht zu finden, denn es gibt ja nicht nur eine. Ich möchte verschiedene Positionen und Sichtweisen zeigen und nicht die Entscheidung vorwegnehmen. Eine Entscheidung muss von innen heraus kommen. Wenn sie von außen kommt, haben wir ein Problem. Das passiert ja nur allzu oft.

O-TON:
After the fall of the Soviet Union, people with good feelings, good people, they found the direction.. what the Soviet Union was saying, what the communist party was telling them, but not only the communist party, but also what the Soviet Union was telling the Communist Party what to say and what to do. They followed that blindly, completely. And then came the day they discovered that all this was fake, they were so ...against themselves.

VOICE-OVER:
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mussten viele Leute, die es gut meinten, Leute, die glaubten, was ihnen erzählt wurde, sie mussten erkennen, dass sie einem Trugbild aufgesessen waren, dass die kommunistische Partei wiedergab, was der Staatsapparat ihnen diktierte. Sie mussten erkennen, dass alles Fake war und sie waren wütend – auf sich selber.

O-TON:
You use the word FAKE, we are surrounded by fake...

VOICE-OVER/AUTOR:
Fake – sind wir nicht umgeben davon?

O-TON:
Oh, yes, we are surrounded by fake, life is full of fake, hahaha, that’s a big problem, it is really difficult to find out what is not a fake

VOICE-OVER:
Oh ja, wir sind umgeben von Fassaden und Fälschungen, das Leben ist voller Fake, bei all den Attrappen ist es gar nicht so leicht, heraus zu finden, was echt ist.

O-TON:
When you make a film, do you want to educate people or add a missing argument? What drives you?

VOICE-OVER/AUTOR:
Wollen Sie mit einem Film die Menschen erziehen oder in der öffentlichen Diskussion fehlende Argumente besteuern? Was treibt Sie an?

O-TON:
I do not making films to educate people, I think education belongs to the university, to the schools, to the teachers, to the parents, I believe art, and cinema is art, is there to introduce people to questions, to reveal questions, and then you throw the questions and people have to answer or not to answer, to react or nothing, I don’t believe with the cinema you can show ways, show solutions, propose solutions, because I don’t have them. Even if I have them, I doubt, so I limit my doing to ask questions. And the difficult thing is to ask the right questions.

VOICE-OVER:
Ich will mit meinen Filmen die Leute nicht erziehen, für Erziehung sind die Lehrer da und die Eltern. Kunst, und dazu zähle ich den Film, Kunst ist dazu da, Fragen auszustreuen und die Menschen dazu zu bringen, selbst nach Antworten zu suchen. Oder sie lassen es auch bleiben. Ich glaube nicht daran, dass das Kino Wege und Lösungen aufzeigen kann. Ich habe auch gar keine Lösungen anzubieten. Und selbst, wenn ich sie hätte, wer sagt denn, dass sie die richtigen sind? Ich beschränke mich daher auf die Fragen. Und die richtigen Fragen zu stellen, ist schon schwierig genug.

O-TON:
If you present solutions, you can argue about the solutions, and how can we know that our solution is the right one at that moment or in general...

VOICE-OVER/AUTOR:
Lösungen können ja wieder der Auslöser für Streit sein; wie können wir sicher sein, dass die Lösungen, die wir anbieten, in diesem Moment die richtigen sind?

O-TON:
Because I don’t know what the solutions are. I can only ask questions as I do in my every-day life. The audience decides, if they want to. There is a nice saying about, from an Italian historian speaking about the relation between the cinema and the audience: He says, what the cinema can do, what a film can do : bring the viewer into the historian’s cabinet, and from then on the viewer decides if he wants to know more or not about what he saw or what he heard in the cinema. I think this is the right position.

VOICE-OVER:
Ich weiß nicht, wie die Lösungen ausschauen. Ich kann nur Fragen stellen, und die Zuschauer müssen entscheiden, wie weit sie mitgehen wollen. Es gibt ein Zitat von einem italienischen Historiker, das mir gut gefällt. Er sagt: Alles, was das Kino tun kann, ist: den Zuschauer in das Kabinett des Historikers entführen. Von da an entscheidet der Zuschauer selber, ob er weiter gehen will, ob er mehr wissen will. In meinen Augen ist das die richtige Haltung.

O-TON:
I like to entertain people in a large way of entertainment, when I say I entertain people with a movie I prefer the Greek word psychagogia. Psychaoia is a mixed word with psyche- soul and agogia which means; show us the way , or direct the way. The theatre was psychauoia for the ancient Greeks, reading was psychaoia, meeting in the Agora was also psychaoia. I prefer that term because entertainment is too large, too fast, not very precise. Ingmar Bergman also used to say: they are sitting and seeing then they go out and think.

VOICE-OVER:
Ich möchte die Menschen unterhalten und zwar so weit wie möglich. Wenn ich von Unterhaltung spreche, dann bediene ich mich gerne des griechischen Begriffs Psychagogia. Der Begriff setzt sich zusammen aus Psyche und Agogia, den Weg zeigen. Für die alten Griechen war Theater Psychagogia, ebenso Lesen und das Treffen in der Agora. Ich ziehe den griechischen Begriff vor, denn der englische Begriff Entertainment ist zu ungenau. Der schwedische Regisseur Ingmar Bergman sagte: Die Leute sitzen und schauen zu, danach gehen sie hinaus und fangen an zu denken.

O-TON:
I have a theme which interest me. For the last film, for example, I wanted to do something with money: How the money affects our behavior. Money is an interesting tool in life. How it becomes an element of corruption. How it can change the soul of people. How people get greed, and the more greed the more they would like to have money, more they have money the more they like to get money.

VOICE-OVER:
Am Anfang steht ein Thema, das mich interessiert. In meinem neuen Film ist es das Geld. Wie verändert das Geld unser Verhalten? Geld ist ein interessantes Werkzeug, das wir alle in die Hand nehmen. Was passiert, wenn daraus ein Mittel zur Korruption wird? Wie kann es das Wesen der Menschen verändern? Wir sehen, wie Menschen gierig werden und diese Gier vervielfacht sich, je mehr Geld sie haben, umso mehr Geld wollen sie noch dazu besitzen.

O-TON:
How it affects society, then I found a book, after reading a lot of books, and I kept the title of the book, a difficult title for a movie Le Capital, like the other one, I didn’t like to change it, just to escape from the responsibility of using this book, so: that is the title.

VOICE-OVER:
Geld kann eine Gesellschaft verändern. Ich habe viele Bücher zum Thema gelesen und mich dann für den Roman "Le Capital" von Karim Boukércha entschieden. Ich habe den Romantitel beibehalten, auch wenn er als Filmtitel problematisch ist und an das Kapital vom Marx erinnert. Ich stehe dazu.

O-TON:
These people who run the economy of the world are not elected , they are not like politicians who are elected every five or four years, and they do not follow the laws democracy has, they are completely free to do what they want and they are permanent, politicians change but they don’t change. It seems to me that this is one of the major changes of the last 30 years and nobody knows where we go with it.

VOICE-OVER:
Die Entscheidungsträger in der Wirtschaft sind nicht von uns gewählt wie Politiker, die sich alle vier oder fünf Jahre einer Wahl stellen müssen. Wirtschaftsbosse halten sich nicht an die Regeln der Demokratie und walten, wie sie wollen. In meinen Augen ist das eine der einschneidenden Veränderungen der letzten 30 Jahre. Wer weiß, wohin das noch führen wird.

O-TON:
When you look for an actor, do you have actors who do not think your way and just do their job? Or are you becoming a family, and all agree on this issue?

VOICE-OVER/AUTOR:
Ist es dem Regisseur Costa-Gavras wichtig, mit Schauspielern zu arbeiten, die mit seiner Weltsicht einverstanden sind?

O-TON:
It’s better to have an actor who agrees with what he is doing. It is much easier, and he doesn’t ask questions every day. And he is not trying to introduce his philosophy in his character. I had this with Yves Montand, every time I worked with him. Also with Jack Lemmon. (...) Then you have actors where it is the opposite way, and when I see there is a kind of difficulty or disagreement or sometimes the actor says, yes, I would do that, but the moment you feel that he has to do it then I don’t work with them. (...) Because when I shoot it has to go fast. I cannot spend hours to explain this and that.

VOICE-OVER:
Es ist besser, einen Schauspieler zu haben, der mit meiner Absicht und meiner Weltsicht einverstanden ist und nicht versucht, seine Sicht der Dinge einzubringen. Das ist sehr viel einfacher und erspart mir viel Fragen am Set. Wenn ich drehe, dann habe ich nicht die Zeit, stundenlang Erklärungen zu liefern. Mit Yves Montand war das jedes Mal wunderbar, genauso mit Jack Lemmon in "Missing". Wenn ein Schauspieler sich dazu zwingen muss, weil er inhaltlich Schwierigkeiten hat, dann trenne ich mich wieder von ihm.

O-TON:
Yves Montand was a very important man in your life...

VOICE-OVER/AUTOR:
Yves Montand war ein wichtiger Mensch in Ihrem Leben...

O-TON:
Yes, he and Simone Signoret

VOICE-OVER:
Ja, er und Simone Signoret.

O-TON:
When he passed away I was thinking of you...

VOICE-OVER/AUTOR:
Als Montand starb, musste ich gleich an Sie denken...

O-TON:
...it was a tragedy for us, he was a friend, a collaborator, it was a bigger tragedy for France also because he was someone who used to say what he was thinking – and people were listening to him. He and Jorge Semprún, the writer , he was Spanish, he was a communist leader and he left the party, and he was also cultural minister in Spain during the socialist period. He spend several years in concentration camps and he was someone who had a very clear vision on politics, on economy, on society. He was Simon Signoret’s friend and I met him with Yves Montand, he was in that group.

VOICE-OVER:
Ja, das war ein Verlust, er war ein Freund und Mitarbeiter, aber es war auch für Frankreich schlimm, denn er war einer der wenigen, die den Mund auf machten und sagten, was sie dachten – und die Leute haben ihm zugehört. Der Schriftsteller Jorge Semprún war auch so einer, Semprún war ein führender Kommunist, der aber aus der kommunistischen Partei austrat. Er hatte mehrere Jahre im Konzentrationslager verbracht. in Spanien war während der sozialistischen Regierung von Filipe Gonzáles drei Jahre lang Kulturminister. Er hatte klare Vorstellungen von Politik, Wirtschaft, Gesellschaft. Ein Mensch mit einer Vision. Ich lernte ihn durch Simon Signoret und Yves Montand kennen.

O-TON:
What about Feedback? There is the feedback from the audience, there is the feedback from critiques, and then of course, there is a feedback which can be interpreted as a feedback because you affect a certain decision by your film...

VOICE-OVER/AUTOR:
Wie steht es mit der Resonanz? Neben den Filmkritiken gib es ja noch ein Echo, das indirekt sein kann, oder das man erst nach Jahren benennen kann...

O-TON:
I have people say "Z" changed my life, since I saw "Z" I understood what is politics and I decided for my political feelings and my philosophy. "Z" was made 40 years ago and still people come and tell me so. Other people speak to me about "The Confession" or "Missing", I though America is democracy and no injustice and with "Missing" I saw that it is not that simple. It is that kind of feedback that you cannot calculate or prepare for, its impossible.

VOICE-OVER:
Auch nach 40 Jahren kommen immer noch Leute auf mich zu und erzählen mir, dass "Z" ihr Leben verändert hat. Ähnliches passiert mir auch mit "Das Geständnis" und mit "Missing". Zu Missing sagte mir mal jemand, er hätte gedachte, in den USA gäbe es eine Demokratie und keine Ungerechtigkeiten, mein Film hätte ihm die Augen geöffnet. Eine solche Reaktion ist nicht einkalkulierbar.

O-TON:
There was a fine anecdote with "Z", when the Colonels were thrown out of the power and there were elections, and it was elected as president of Greece a judge who was a major character in "Z". I received a phone call from American friends: How come Jean-Louis Trintignant became Greek president? People were mixing reality with film, it was amazing.

VOICE-OVER:
Zu "Z" fällt mir noch eine schöne Anekdote ein: Als die Militärs 1974 entmachtet waren, wurde ja ein Jurist Präsident. Und in "Z" ist eine Hauptperson auch Jurist: der Richter, der von Jean-Louis Trintignant gespielt wurde. Und dann erhielt ich aus Amerika einen Anruf von Freunden, die fragten: Wie kann es sein, dass Jean-Louis Trintignant griechischer Präsident geworden ist? Film und Wirklichkeit verschmolzen. Erstaunlich.

O-TON:
Do you see it as a privilege to enter public discussion by presenting a film?

VOICE-OVER:
Sehen Sie es als Privileg, zu öffentlichen Diskussionen einen Film beisteuern zu können?

O-TON:
Oh yes, it is a tremendous privilege, a great advantage I have, to show my movies. With my last movie I did several discussions with the audience, here in France, in Belgium, it is extraordinary to see people after they saw what I did and they ask questions and I have to answer to them, that is an extraordinary privilege, of course, first I have a feedback on what I have done, if it was ok or not, and then I can learn how people are receiving it, negatively and positively, both things are important.

VOICE-OVER:
Oh ja, ein immenses Privileg, ich bin mir dieses enormen Vorteils durchaus bewusst. Ich brauche bloß an die Diskussionen denken, die sich den Vorführungen meines letzten Films anschlossen, hier in Frankreich und auch in Belgien, ich musste viele Fragen beantworten, ein wirkliches Privileg, unmittelbar eine Antwort auf die eigene Arbeit zu erhalten, ich kann da ja auch viel lernen, was ich richtig und was ich falsch gemacht habe.

O-TON:
And your wife is always the producer?

VOICE-OVER/AUTOR:
Ist Ihre Frau Michelle immer die Produzentin?

O-TON:
Yes, she is managing the family, you mean in the every day life?

VOICE-OVER:
Ja, sie managed alles, jeden Tag ... bezieht sich Ihre Frage darauf?

O-TON:
I mean, you don’t have to look for a producer from film to film...

VOICE-OVER/AUTOR:
Nein, ich meine den Film; Sie müssen nie einen Produzenten suchen...

O-TON:
Oh, yes, that’s right. (...) that gives me a lot of freedom. Also: we are much more trusted by actors, for example, if we do not have enough money to make a movie, we say: let’s share the box-office, I cannot pay you now, but if the movie does ok…, so…the actors trust much better the directors then the producer, the producer might disappear but the director remains with his producer wife…with my wife as a producer I do not have face the every-day-problems with a producer, that would be a catastrophe. Michelle, my wif, does that very nicely. So I am free.

VOICE-OVER:
Oh ja, da haben Sie Recht, das gibt mir eine enorme Freiheit. Und noch etwas kommt hinzu: Die Schauspieler haben viel mehr Vertrauen. Sie vertrauen uns auch, wenn wir sagen, wir haben nicht viel Geld und wir teilen uns die Einnahmen. So ein Arrangement lässt sich nur treffen, wenn Regisseur und Produzent eine Einheit sind. In diesem Fall ist es eine Produzentin, und die kann sich nicht aus dem Staub machen, weil sie mit dem Regisseur verheiratet ist. Ein normaler Produzent, mit dem ich mich jeden Tag auseinander setzen müsste – das wäre eine Katastrophe! Meine Frau Michelle macht diese Arbeit wunderbar. Und ich bin frei.

O-TON:
Another privilege...

VOICE-OVER/AUTOR:
Noch ein Privileg...

O-TON:
Another big privilege, big privilege, even when we are in the same bed, saying to each other, what are we doing tomorrow? That sometimes is a problem, because then we can’t sleep.

VOICE-OVER:
Ein großes Privileg, dessen bin ich mir durchaus bewußt. Das geht ja soweit, dass wir nebeneinander im Bett liegen und den nächsten Tag besprechen. Das kann aber auch ein Problem sein, weil es uns den Schlaf raubt.

O-TON:
Turning Eighty – Is there a film you would do differently or...?

VOICE-OVER/AUTOR:
Costa-Gavras, Sie werden in Kürze achtzig Jahre alt – gibt es einen Film, den Sie heute anders machen würden?

O-TON:
No, some of the movies I have done I would not do them today. For example "Z", it was against the dictatorship in Greece, there is no dictatorship in Greece today, there is another kind of situation, or "The Confession": same thing, "Missing": same thing, and all the other movies. All the movies have been done in a certain moment with a certain sensibility, in a precise historical moment and a kind of sensibility I had in front of those situations. If I would do them, today they would be completely different.

VOICE-OVER:
Nein, keinen einzigen. Denn meine Filme waren immer die Reaktion auf einen bestimmten Zustand zu einer bestimmten Zeit. "Z" war eine Antwort auf das Militärregime in Griechenland, jetzt gibt es keine Militärdiktatur mehr, dafür haben wir jetzt ein anderes Problem. Für "Das Geständnis" gilt dasselbe, ebenso für "Missing". Alle Filme waren die Reaktion auf einen bestimmten historischen Zustand. Heute wären das ganz andere Filme.

O-TON:
I believe essentially that cinema is a show. I don’t go to the cinema to listen to a kind of universitarian speech or lesson. Or to political speech by a politician or science. So it is a kind of feeling if someone tells a story and you receive that story. That’s my relationship with the cinema and, of course, with the audience.

VOICE-OVER:
Kino ist eine Show, eine Vorführung. Ich gehe nicht ins Kino, um eine politische Rede oder eine wissenschaftliche Vorlesung zu hören. Hier spielen Emotionen eine Rolle, es geht um Geschichten: Geschichten erzählen und Geschichten erleben. Das ist das Kino für mich.

O-TON:
You saw Al Gore’s film?

VOICE-OVER/AUTOR:
Sie haben Al Gores Film Eine unbequeme Wahrheit gesehen?

O-TON:
Yes, hahaha

O-TON (ohne Übersetzung):
That was a lecture...

VOICE-OVER:
Das war eine Vorlesung...

O-TON:
hahahah

O-TON:
The earth. Politics become irrelevant when you look at the globe. It doesn't matter which party you are with or against when you look at this organism called Earth... slowly we moved forward and forgot what it is all about…

VOICE-OVER/AUTOR:
Dann ist da noch die Erde. Wenn man sie betrachtet, dann verblasst alle Tagespolitik. Da spielt es keine Rolle mehr, welcher Partei man zustimmt. Wir bewegen uns weiter und verlieren die Orientierung, wir wissen gar nicht mehr, wohin es eigentlich geht.

O-TON:
We are about to destroy everything. We are like in a big boat and we open small holes everywhere and water starts to come in everywhere. (...) We are so many on this earth, and we are so greedy. The question is: how far can we go with that? When will politicians have the courage to stop this? They make big meetings, in Brasil, in Kyoto, in Europe, they say this and this has to be done and nobody does it. A lot of people agree that we have a problem but say: it’s not up to me to find a solution.

VOICE-OVER:
Wir sind dabei, alles zu zerstören. Wir sitzen in einem großen Boot und überall sind Löcher, durch die das Wasser dringt. Es sind einfach zu viele Löcher. Wir sind zu viele Menschen und wir sind zu gierig. Und so stellt sich die Frage: Wie lange können wir so weiter machen? Wird es Politiker geben, die den Mut haben, diesen Prozess zu stoppen? Wir haben große Konferenzen in Brasilien, in Japan, in Europa und es werden Parolen ausgegeben, was geschehen muss, aber niemand hält sich dran. Auch jene, die das Problem gar nicht leugnen, sehen sich nicht in der Verantwortung, etwas zu ändern.