HÖRBILD UND FEATURE, BR2 SENDUNG, Samstag, 03.12.2011, 13:05 – 14:00 Uhr

Der lange Atem

LangeAtem

Tjan Zaotschnaja, Ramsey Clark, Tilman Zülch, Monica Seiller, Wenzel Michalski



RADIOFEATURE

Der lange Atem
Vom zähen Ringen um die Menschenrechte
Von Claus Biegert

Erzählerin: Sabine Kastius
Erzähler: Claus Biegert
Voice Over 1: Detlef Kügow
Voice Over 2: Gert Heidenreich

Technik: Josuel Theegarten
Regie: Joseph Berlinger

Redaktion: Helga Montag



O-Ton: Hollman Morris mit einer TV-Reportage aus Kolumbien

Erzählerin (über O-Ton):
Der Reporter in der Regenjacke spricht erschüttert und gehetzt in die Kamera. Wieder sind Bauern von paramilitärischen Truppen von ihrem Land vertrieben worden, um Platz zu machen für Großgrundbesitzer. Die Menschen sind erleichtert, dass sie über den überfall sprechen können. In Kolumbien regiert die Gewalt, die öffentlichkeit schweigt, es herrscht Angst – niemand rechnet mit einem Fernsehteam. Genau dafür ist Hollman Morris bekannt geworden: als Zeuge dort zu sein, wo die anderen wegschauen; seine Parteinahme für die Schwachen; sein Blick auf die Opfer; seine Angriffe auf die Regierung, die Drogenbarone, die Paramilitärs. Als die Morddrohungen über Hand nahmen, floh er. Seine Kinder waren noch klein, die Drohungen galten auch ihnen.

O-Ton: Nürnberger Philharmoniker / darüber:

Erzähler:
Jetzt steht Hollman Morris im Rampenlicht der Nürnberger Oper. Der 53Jährige mit den schwarzen Locken wird gefeiert, er trägt einen dunkelblauen Anzug und eine rosa Krawatte, nirgends eine Spur von Urwald, die Verfolger sind fern. Es ist der 25. September 2011, Morris erhält den Menschenrechtspreis der Stadt Nürnberg. Doch die illustre Umgebung, das Festpublikum, die Nürnberger Philharmoniker, der nicht enden wollende Applaus, alles tritt in den Hintergrund, sobald er am Mikrophon steht. Selbst die Simultandolmetscherin ist berührt.

O-Ton Morris / Dolmetscherin:

Heute ist dieser 'Eldorado' die großen Kupferreserven in Chile, die Gasreserven in Bolivien, die Kohlereserven in Argentinien, die Goldreserven in Peru und Kolumbien, die von großen Multinationalen mit dem gleichen Eifer verfolgt werden, wie vor fünf Jahrhunderten. Der Wahnsinn der Suche nach dem großen 'Dorado' geht weiter und ist der Ursprung einer neuen Welle der Menschenrechtsverletzungen, eine neue Herausforderung für die Menschenrechtsverteidiger.

Eine Frau aus der Region in Kolumbien, wo Bananen angebaut werden und wo der große Multi Chiquita rechts- als auch linksextreme Gruppierungen finanziert hat, um Tausende von Bauern umzubringen, diese einfache Frau sagte eines Tages zu mir: "Hier, in dieser Region, gibt es keine einzige Bananenstaude, die nicht mit einer Leiche gedüngt wurde". Es gibt keine Bananenstaude, die nicht mit einer Leiche gedüngt wurde. Wenn wir diese Metapher übernehmen, müssen wir sagen, dass es in Lateinamerika kein öl gibt, das nicht mit Blut befleckt ist; Kohle, die nicht für die Verschmutzung von Sumpfgebiete zuständig ist; oder Gold, das nicht mit den natürlichen Ressourcen von indigener Bevölkerung ein Ende gemacht hat.

Unser Kampf, unser isolierter Kampf wird nicht ausreichend sein. Genauso wie einst der größten Geisel, der Drogenhandel, muss man auch im Bergbau gemeinsam Verantwortung übernehmen. Es geht um gemeinsame Verantwortung gegenüber diesen Tatbeständen. Wir können nicht weiterhin die soziale Last, die Probleme der Umwelt und die Opfer übernehmen, während die Industrieländer keine angemessene Politik umsetzen, um die Nachfrag dieser Produkte zu lenken. Wir sind bereit, zusammen zu arbeiten, aber wir brauchen empörte Bürger in den Industrieländern, Bürger, sie sich fragen, woher denn diese Produkte kommen und warum es überhaupt so viele Rohstoffe gibt. Wie ein großer Freund, ein Indio, sagt: Wir sind müde, dass wir für unsere Entwicklung mit Menschenleben zahlen müssen.

Weil wir eine Erinnerung haben, werden wir weiterhin gegen den Strom fahren, wir werden es weiterhin tun. Vielen Dank!

O-Ton Applaus / darüber:
Stationssprecherin:
DER LANGE ATEM

Vom zähen Ringen um die Menschenrechte
Von Claus Biegert


Musik 1 / kurzer Akzent
O-Ton Morris / bald darüber:


Voice-over 1:
Das Leben zu verteidigen, das ist für einen Aktivisten das Aller-Allerwichtigste. Ein Menschenrechtsaktivist tritt immer gegen Ungerechtigkeit ein, ungeachtet von wo diese Ungerechtigkeit ausgeht. Er ist immer ein Verteidiger des Lebens. Die, die sich einsetzen für jene, die keine Stimme haben, sind sich bewusst, dass sie den schwierigsten aller Wege gehen. Aber die Schwierigkeiten, die auf dem Weg auftauchen können, werden oft gar nicht als Schwierigkeiten angesehen, sondern als Ansporn. Natürlich braucht ein Aktivist auch Ausdauer, einen langen Atem, und er wird nicht in die Knie gehen, wenn er angeklagt oder stigmatisiert wird. Ein Menschenrechtler muss immer ein offenes Ohr haben – und er darf nie hassen! Er wird die negativen Gefühle, wie Hass und Vergeltung, ummünzen in ein Streben für die Gerechtigkeit und für die Erinnerung.

Erzähler:
Morris ist in Nürnberg der Star. Der bayerische Ministerpräsident Seehofer gratuliert, und Bundesjustizministerin Leuthäuser-Schnarrenberger. Oberbürgermeister Mahly macht mir Handzeichen, dass die Zeit drängt, in der Fußgängerzone warten gut tausend Menschen. Zwischen Tür und Angel kann ich mit Moris sprechen. Was treibt ihn persönlich an?

O-Ton Morris / bald Voice-Over 1:
Ich muss sagen, dass ich mich sehr durch Vorbilder antreiben lasse; von Männern wie von Frauen. Vor allem denke ich hier an die Bauern, mit denen ich oft zu tun habe, besonders an die Frauen, die im tiefsten Kolumbien den Mut haben, anzuklagen, obwohl sie wissen, dass sie ständig bedroht sind und immer um die Ecke ein Schlächter wartet. Erzähler:
Morris ist gleichzeitig Reporter und Menschenrechtler. Ihm wurde immer wieder der Vorwurf der Parteinahme gemacht. Damit kann er nichts anfangen. O-Ton Morris / bald Voice-Over 1:
Der Konflikt Reporter/Aktivist ist eine kontroverse Geschichte, die wir endlich überwinden müssen. Ich habe Kollegen, die nicht meiner Meinung sind. Sie diskreditieren uns und stempeln uns als militante Menschenrechtsaktivisten ab. Sie vergessen, dass sogar aus den Vereinten Nationen der Ruf zu hören ist, dass Journalisten irgendwann in ihrem Leben zu Verteidigern der Menschenrechte werden müssen, weil das der eigentliche Inhalt ihrer Arbeit ist.

Musik 2 / darüber:

Erzählerin :
Am 10. Dezember 1948 nahm die Vollversammlung der Vereinten Nationen die Universale Erklärung der Menschenrechte an. Menschenrechte sind Rechte für alle Menschen, egal wo sie leben. Dazu gehören das Recht auf Gesundheit, Nahrung, Wohnung, Ausbildung, Arbeit, Gleichberechtigung; der Schutz vor Diskriminierung und Verfolgung. Voraussetzungen für ein würdiges Leben. Werden diese Rechte verweigert, dann sind die Menschenrechte verletzt, die Lebensbedingungen menschenunwürdig. Auch wenn keine Täter beim Namen genannt werden können. Der norwegische Friedensforscher Johan Galtung, Träger des Alternativen Nobelpreises, spricht in diesem Fall von "struktureller Gewalt". Wenn Menschenrechtsverletzungen angeprangert werden, dann geht es um die Haftbedingungen von Gefängnisinsassen, um Folter, um die Verweigerung der Lebensgrundlagen, letztendlich oft um Verwundete, Kranke und Tote. Menschen, die ohne an einem Krieg teilzunehmen, kein lebenswertes Leben führen können. Krieg bringt immer mit sich, dass die Menschenrechte von Zivilisten und Kriegsgefangenen nicht geachtet werden. Doch es braucht keine Kriege und keine Schlachtfelder, damit die Menschenrechte verletzt werden, in zahllosen Ländern, tagtäglich.

Erzähler:
öffentlich machen statt schweigen, anprangern statt wegschauen – das wollen Leute wie Hollmann Moris erreichen, die sich für die Menschenrechte engagieren. Sie sorgen dafür, dass die Leidtragenden und Toten, die den Fluss der Geschäfte und der Politik stören, eine Stimme haben; dass ihre Anliegen bekannt werden. Der Nachschub von Rohstoffen rangiert in der politischen und wirtschaftlichen Agenda meist über den Menschenrechten. Ein Beispiel: die sogenannten "Seltenen Erden". Jenen 17 Metallen, die in zahlreichen modernen Technologien vorkommen und hauptsächlich in China abgebaut werden. Hier verfügt vor allem die Weltmacht China über eine wirtschaftliche "strukturelle Gewalt", der sich der Rest der Welt kaum widersetzt.

Musik 3 / kurzer Akzent
Musik 4 / darüber:


Voice-over 1 und 2 / Klangteppich:
Acid Survivors Foundation
Aktion der Christen für die Abschaffung der Folter
Aktionsgruppe Indianer & Menschenrechte
Alkarama for Human Rights
Amnesty International
Anti-Slavery International
Asian Human Rights Commission
Brot für die Welt
Christian Solidarity International
Comité Cristiano Pro Desplazados de El Salvador
Cultural Survival
Deutsche Liga für Menschenrechte
Deutsches Institut für Menschenrechte
Dokumentationszentrum Menschenrechte in Lateinamerika
ELSHAM - gegen Menschenrechtsverletzungen in West-Papua
FIAN - FoodFirst Informations- und Aktions-Netzwerk
Fédération Internationale des Ligues des Droits de l'Homme
Forest Peoples Program
Forum 18
Forum Menschenrechte...

darüber:

Erzähler:

Rund um die Erde gibt es – von den jeweiligen Regierungen unabhängige – Organisationen, sogenannte NGOs: non-governmental organizations, die sich einmischen und die aufdecken, die sich nicht einschüchtern lassen und die ein öffentliches Gewissen verkörpern.

Voice-over 1 und 2 / Klangteppich:
Nürnberger Menschenrechtszentrum
Non-Violent Peace Force
österreichisches Institut für Menschenrechte
Organisation Mondiale contre la Torture
Pax Christi International
Peace Brigades International
PRO ASYL
Resource Center of the Americas
Reporter ohne Grenzen
School of the Americas Watch
Survival International
Survivors International
Terre des Femmes
Terre des Hommes
Third World Network
Witness
Womankind Worldwide
Yesh Din


Erzähler:
Ich verabrede mich mit Vertretern von vier Organisationen: Human Rights Watch in Berlin, der Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen, der Aktionsgruppe "Indianer und Menschenrechte" in München und dem International Action Center in New York City.

O-Ton: Atmo Hotelfoyer "Vier Jahreszeiten" / darüber:

Erzähler:
Das Hotel Vier Jahreszeiten in München. Ich bin mit Wenzel Michalski verabredet, dem Leiter des deutschen Büros von Human Rights Watch. Michalski ist für ein paar Stunden aus Berlin gekommen, denn es gilt, das jährliche Benefiz-Dinner zu organisieren. Die Tischordnung muss überprüft werden, ebenso Menüplan, Musik, Ablauf, die Sprecher– immerhin geht es um viel Geld. Bei Human Rights Watch gibt es keine ehrenamtlichen Helfer. Die Menschenrechtsorganisation, die ihren Sitz in New York hat, muss ihre Mitarbeiter gut bezahlen, denn sie bewegen sich oft auf vermintem Gelände, dort, wo die Menschenrechte nichts mehr gelten. Die Mitarbeiter müssen oft verdeckt arbeiten, um sich und andere nicht zu gefährden. Human Rights Watch braucht viel Geld, das Jahresbudget beträgt um die 50 Millionen Dollar. Die Gala-Dinners sind eine der Einnahmequellen. Das Menü steht: Das Menü steht: Getrüffelte Sellerierahmsuppe und Crepesroulade, Tranchen vom Kalbsrücken, dazu Waldpilzrisotto, grüne Spargelspitzen und glasierte Balsamikozwiebeln, als Dessert Nougatmousse, Zitrusfrücheragout und Topfen-Orangeneiscrème, die Weine: Riesling und Bourdeaux.

Michalski schmunzelt: auch das gehört zur Menschenrechtsarbeit. 1200 Einladungen sind verschickt worden, 185 Anmeldungen sind eingegangen.

Wenzel Michalski ist Journalist. 2010 übernahm er die Leitung des deutschen Büros von Human Rights Watch in Berlin, vorher war er Reporter im Nachrichten-TV-Sender N24. Menschenrechtsarbeit und Journalismus sind auch für ihn kein Widerspruch.

O-Ton Michalski:
Tatsächlich ist unsere Arbeit kaum anders als die eines ernst zu nehmenden und gewissenhaften Journalisten. Wir sammeln Fakten, das tut ein Journalist, der recherchiert, und wir dokumentieren diese Fakten, und veröffentlichen sie. Der große Unterschied ist, dass es damit bei uns nicht aufhört, sondern an Hand dieser Veröffentlichungen versuchen wir, Veränderungen herbei zu führen; was uns gelingt, manchmal ganz schnell, meistens Schritt für Schritt, dafür braucht man einen langen Atem, und hinzu kommt, dass durch die Sparmaßnahmen international, in der Presse und in den Medien, wir eine Lücke besetzen...

Erzählerin :
Vielen Verlagshäusern, Rundfunk- und Fernsehsendern fehlt zunehmend das Geld, um ein eigenes weltweites Korrespondentennetz aufrecht zu erhalten. Als Quelle für unabhängige Dossiers benützen viele Redaktionen in Europa und Nordamerika jetzt die Recherchen der Human Rights Watch-Büros.

O-Ton Michalski:
Das sind Quellen für die Journalisten weltweit, und die Journalisten sind hinter dem her, wie der Bär nach dem Honig.

Musik 5: kurzer Akzent / darüber:

Erzählerin :
Der lange Atem. Er wird oft aus der eigenen Geschichte gespeist. Es ist auch die eigene Biografie, die einen zum Menschenrechtsaktivisten werden lässt.

O-Ton Atmo Straße und Haus Innen / darüber:

Erzähler:
Verabredung mit Tilman Zülch in Göttingen. Zülch, Jahrgang 39, ist Generalsekretär und Gründer der Gesellschaft für bedrohte Völker. Das Fachwerkhaus in der Göttinger Altstadt ist kein Ort der Ruhe an diesem Tag. Eine Gruppe aus Bosnien ist zu Besuch, ein Vorstandstreffen geht gerade zu Ende, ein neuer Spendenaufruf muss versandt werden, Termine in Berlin stehen an, im Norden Burmas sind 470 000 Angehörige nationaler Minderheiten auf der Flucht vor dem Militär, die Bundesregierung hat sich bis jetzt geweigert, dem Beispiel anderer Staaten zu folgen und eine UN-Kommission zur Untersuchung der Verbrechen zu fordern. Die nötige Muße für ein Interview lässt sich nicht finden, Zülch schlägt seinen Garten vor:

O-Ton Atmo Garten Zülch / darüber:

Erzähler: Hier ist seine Zuflucht, wenn der Horror der Nachrichten ihm aufs Gemüt schlägt. Drei Teiche birgt der Garten. Stolz zählt Zülch die Pflanzen auf, die auf dem Stück Wildnis wachsen, das er und seine Frau Ines mit Hingabe hegen. Er lauscht begeistert den Bienen, den Laubfröschen un dem Zaunkönig. Laut ist es auch hier, als dann noch Wind aufkommt, gehen wir ins Haus.

O-Ton Zülch:
Ich denke, dass die Flucht aus dem früheren Ostdeutschland den Ausschlag gegeben hat. Die Mutter, die Großmutter, Freunde der Mutter ergriffen uns und haben uns eingemummelt, in Wolle, wir sahen aus wie kleine Bärenjungen vielleicht. Es war während der ganzen Fahrt ein Meter Schnee und 20 Grad minus. Ab und zu hielt eins dieser Pferdewagen, manchmal hatten die ein Bündel, in die etwas gelegt war, legten es an den Straßenrand, sprachen ein Gebet, und dann ging es weiter. Das haben wir erst viel später verstanden.

Erzähler:
Zülch hatte als Flüchtlingskind zwei schwere Unfälle: Einmal war die Schlagader am Arm verletzt, ein anderes Mal war ein mit Steinen beladener Anhänger ihm über beide Beine gefahren. Er verbrachte ein Jahr in Krankenhäusern.

O-Ton Zülch:
...Ich habe als kleiner Junge unheimlich viele Geschichten gehört von Familien, die überrollt waren, die sich trennen mussten, von Frauen, die verschleppt waren. Und jetzt im Alter kommen diese Erinnerungen traumatisch zurück und ich glaube, dass das Ursache war, dass ich dann später als Gründer einer Menschenrechts-Organi-sation, dass ich eigentlich immer sympathisierte mit Flüchtlingen, Flüchtlingen auf Lastwagen, Flüchtlingen auf Meeren, das sind Szenen, wo mir häufig die Tränen kommen.

Musik 6: kurzer Akzent

O-Ton Atmo / darüber:

Erzähler
Ortswechsel: Auch Wenzel Michalski, Jahrgang 1962, Direktor des deutschen Büros von Human Rights Watch in Berlin, ist überzeugt, dass die eigene Geschichte nicht zu trennen ist vom Engagement, das zum Beruf wird.

O-Ton Michalski:
Zunächst muss man sagen, dass meine Kollegen durch die Bank öberzeugungstäter sind. Anders kann man diesen Job gar nicht machen. Die Arbeit ist sehr aufreibend, sehr arbeitsintensiv, sehr erfüllend, weil wir eben ständig auf die Verbesserung des Status-quo hinarbeiten. Das hält uns am Leben und den Motor am Rennen. Meine Großmutter mütterlicherseits ist eine Indianerin aus Nordargentinien, wurde dort rassistisch verfolgt, misshandelt von den Nonnen, zu denen sie in die Schule gehen musste, verprügelt, wurde auch innerhalb ihrer italienischen großelterlichen Familie missbraucht; also auch von der Seite aus war das für uns ein großes Thema.

Musik 7: kurzer Akzent

O-Ton Atmo Telefon läutet / Tjan hebt ab: "Slawisches Institut, Tschaotschnaja" / darüber:

Erzähler:
Geschwister-Scholl-Platz in München. Wenn Tjan Zaotschnaja morgens zur Arbeit in die Ludwig-Maximilians-Universität geht, muss sie diesen Platz überqueren. Immer wieder denkt sie dabei an die Widerstandskämpfer der Weißen Rose und fühlt sich verwandt und gestärkt. Tjan ist eine indigene Aktivistin. Sie gehört zum Volk der Itelmenen und kommt aus dem westlichsten Zipfel Sibiriens, der Kamtschatka. Am Anfang ihres Lebens stand die Treue zu der Sowjetunion.

O-Ton Tjan Zaotschnaja:
Dann haben wir angefangen, Materialien zu sammeln, was die itelmenische Sprache betrifft, weil sie nicht in der Schule unterrichtet wurde und es gab immer weniger Menschen, die die Sprache noch konnten. Ich und mein Mann, wir sind durch die Dörfer gereist auf Kamtschatka und dann hab ich gemerkt, wie gefährlich das war, zum Beispiel, wenn wir in einem Dorf waren und KGB oder Miliz uns entdeckt haben, sie haben uns zitiert zum Revier, und haben von uns verlangt, dass wir unterschreiben, und den Ort sofort verlassen. Es könnte ja sein, dass diese Materialien irgendwelche Gefahr für damals in Sowjetunion hatten. Viel, viel später haben wir einen Brief geschrieben an die UNO-Menschenrechtsorganisation in London, dass wir das sehen als Diskriminierung des itelmenischen Volkes, weil die Sprache nicht weiter entwickelt werden kann und darf und Materialien werden beschlagnahmt. Dann haben sie uns angeboten, das Land innerhalb von drei Wochen zu verlassen, und es wurde passiert dann im Mai 1980, zu den Olympischen Spielen in Moskau, und wir haben dann ja Deutschland gewählt.

Erzähler: In ihrer Freizeit arbeitet Tjan Zaotschnaja für die "Gesellschaft für bedrohte Völker".

O-Ton Tjan Zaotschnaja:
Ich hab das Gefühl, ich muss das machen Dazu gehört viel Ausdauer, manchmal will ich Handtuch wegschmeissen…und wenns dir gut geht und du weißt, dass es anderen Menschen nicht so gut geht, kannst du nicht einfach sagen, das mach ich jetzt nicht mehr.

Musik 8: kurzer Akzent

Erzählerin : Der lange Atem. Er allein reicht noch nicht. Die Unbestechlichkeit gehört ebenso dazu, wie die Unparteilichkeit. Wenn Tilman Zülch oder Wenzel Michalski in die Welt blicken, haben sie gleichzeitig Deutschland im Visier. Beide wissen, dass politische Vorlieben nicht die Sicht auf Menschenrechts-verletzungen und Verbrechen färben dürfen.

Erzähler:
Tilman Zülch hat 1968 die Deutsche Biafra-Hilfe gegründet. Im sogenannten Biafra-Krieg erklärte die nigerianische Zentralregierung den Krieg gegen die Igbos, die ein unabhängiges Biafra ausgerufen hatten. England, bis 1960 die Kolonialmacht, lieferte die Waffen und Bomber an Nigeria. Durch eine Hungerblockade der nigerianischen Zentralregierung starben zwei Millionen Menschen. Der Völkermord an den Igbos war für Zülch der entscheidende Wendepunkt, sein Leben ganz in den Dienst der Menschenrechte zu stellen.

Erzählerin :
Die Biafra-Hilfe hatte ihren Sitz in Zülchs Hamburger Wohnung; daraus entstand 1971 die Gesellschaft für bedrohte Völker, die heute beratenden Status bei den Vereinten Nationen und mitwirkenden Status beim Europarat hat.

O-Ton Zülch
Das allererste, was wir natürlich machen mussten, war, uns sozusagen eine Organisations-Ideologie zu entwickeln, und die Leitlinie ist damals schon entwickelt worden: Auf keinem Auge blind. Und: Völkermord, Massenvertreibungen, Massenvergewaltigungen, die Errichtung von Konzentrationslagern, Vergewaltigungslagern, sind immer und überall ein Verbrechen. Und dann haben wir 1979 im Konzentrationslager Bergen-Belsen eine riesen Veran­staltung gemacht, obwohl die Zigeuner damals sehr wenig Sympathien und politisch überhaupt keine Unterstützer hatten, und da kam Simone Weill, die Präsidentin des Europäischen Parlaments, damals sensationell, denn es war ja noch ziemlich jung, und sie hatte als Jüdin ihre Mutter in Bergen-Belsen verloren, sie hielt eine bewegen­de Rede. Die Zigeuner lebten in dem Lager getrennt, sind getrennt gestorben.

Erzählerin :
1981 gelang es der Gesellschaft für bedrohte Völker, den Begriff "Sinti und Roma" an Stelle von "Zigeuner" in den Medien und in der Politik durchzusetzen. Diese Korrektur ist ein Resultat des ersten europäischen Sinti- und Roma-Kongresses in Göttingen, den die GfbV, wie die Gesellschaft für bedrohte Völker in Menschenrechtskreisen genannt wird, initiiert und organisiert hatte.

O-Ton Zülch:
Wir haben für Hunderte, vielleicht Tausende Sinti und Roma, denen man die deutsche Staatsbürgerschaft, nachdem man sie aus den Konzentrationslagern geholt hatte, geraubt hat, und keine zuständige deutsche Behörde sich wirklich bemüht hat, ihnen die Staatsbürgerschaft wieder zu geben, Wir haben dann erreicht, dass die Bundesregierung und die Länderregierungen selbstverwaltete Zentren der Sinti und Roma unterstützten, wir haben dann erreicht, dass Bundeskanzler Schmidt und Bundespräsident Carstens entschuldigten, den Völkermord anerkannten. Unvergesslich ist mir Freimut Duve, für den ich dann im Rowohlt Verlag ein Buch gemacht habe, "In Ausschwitz vergast, bis heute verfolgt". Zur Situation der Sinti und Roma in Deutschland und Europa. Wo der Völkermord das erste Mal seit 1945 in einem politischen Buch dokumentiert wurde.

Erzähler:
Wie nah in einer globalisierten Welt die fernen Menschenrechtsverletzungen sein können, erfuhr Wenzel Michalski schon bald, nachdem er 2010 seine Arbeit im Berliner Büro von Human Rights Watch aufgenommen hatte.

O-Ton Michalski:
Usbekistan ist Human Rights Watch und vielen anderen Menschenrechts­organisationen schon lange ein Dorn im Auge, weil die Menschenrechtsvergehen dort unglaublich eklatant sind, es herrschen mittelalterliche Verhältnisse, eine kleptokratische Familie, die sich alles unter den Nagel reißt, Dissidenten, die verschwind en, Folter, Meinungsfreiheit gibt es überhaupt nicht, und so weiter und so fort. Es war mir noch nicht bewusst, was für ein dickes Brett dies eigentlich ist, das wurde mir aber sehr schnell vor Augen geführt, und zwar als ich meinen ersten Besuch hatte im Auswärtigen Amt und mit den sehr höflichen Diplomatinnen dort gesprochen habe, die mir auf sehr angenehme Art und Weise, aber durchaus unerschütterlich gesagt haben, dass sie da überhaupt nichts machen können, sie würden die ganzen Menschenrechtsverletzungen immer erwähnen, allerdings auf taube Ohren stoßen, das hat mich innerlich fuchsteufelswild gemacht, dass die da nicht einfach auf den Putz hauen. Aber der Grund ist ganz einfach, dass Deutschland strategische Interessen hat. In Usbekistan gibt es einen Flugplatz, von den Russen gebaut, aber jetzt von den Amerikanern und Deutschen genutzt, als Versorgungs- und Zwischenstation für die Soldaten in Afghanistan. Und solange es den da gibt, wird die Deutsche Regierung ungerührt schweigen zu den Menschenrechtsverletzun-gen in Usbekistan. Wir bezahlen viel Geld für die Benutzung dieses Flughafens, dieses Geld fließt sofort in die Taschen der Diktatur dort, darüber hinaus zahlen wir sehr viel Geld für Entwicklungshilfe und andere nicht näher definierte Zahlungen...

Musik 9: kurzer Akzent O-Ton / Atmo / darüber:

Erzähler
:
Ein ehemaliges Fabrikgebäude im Münchner Norden, in der Frohschammer Straße nahe dem Petuelring, eingewachsen, man spürt, dass hier alternative Kräfte am Werke sind; hier hat im Dachgeschoss neben vielen anderen Münchner Initiativen die "Aktionsgruppe Indianer & Menschenrechte" ihr Büro. Jeden Montagabend lädt die Gruppe zu einem öffentlichen Arbeitstreffen; die meiste Zeit geht drauf für die Redaktion der Zeitschrift "Coyote", die viermal im Jahr erscheint und die heute im deutschen Sprachraum ohne Konkurrenz dasteht. Coyote, im Englischen coyote ausgesprochen, ist in vielen indianischen Kulturen ein Trickster: ein Kobold, der sich um keine Tabus schert und der den Menschen einen Spiegel vorhält. Einmal im Jahr organisiert die Aktionsgruppe ein europäisches Indianer-Unterstützertreffen. Monika Seiller, Jahrgang 63, ist der Motor. Ihr leuchtend roter Haarschopf lässt keinen Zweifel, dass sie sich nicht scheut, Alarm zu schlagen, wenn es nötig ist. Was als persönliches Engagement angefangen hat, ist zur Profession geworden.

O-Ton Monika Seiller:
Sich für Menschenrechte einzusetzen ist total faszinierend und spannend, weil es den eigenen Horizont erweitert. Als wir uns 1986 gegründet hatten, waren wir auch ne bunte Truppe, ich hab Politik studiert, andere kamen aus der Ethnologie, es gab welche von uns, die sich schon seit Kindertagen mit Indianern beschäftigt hatten, andere wie ich, hatten damit noch nie was zu tun, und haben ein völlig neuen Bereich für sich entdeckt, und es ist unheimlich spannend, was wir in all diesen Jahren an Kontakten aufgetan haben, was wir Einblick gewonnen haben in ganz andere Situationen und Kulturen, das ist unheimlich bereichernd für einen selbst.

Erzähler:
Die "Aktionsgruppe Indianer & Menschenrechte" hält engen Kontakt zu den Menschen, über deren Kampf gegen Rassismus, Vertreibungen und Naturzerstörung die Zeitschrift "Coyote" berichtet. Monika Seiller sucht immer nach neuen Mitarbeitern.

O-Ton Monika Seiller:
Jeder kann bei uns mitmachen, aber es ist natürlich schon so, dass man eine gewisse Bereitschaft für Engagement mitbringen muss. Und eine gewisse Bereitschaft, sich langfristig einzusetzen, weil wenn Leute sich nur für zwei Wochen engagieren und mal hier und mal da, das ist natürlich schwierig, weil man die Zusammenhänge nicht versteht und es braucht einfach eine gewisse Kontinuität, weil es ja auch anders herum ist: dass die Indigenen, die wir unterstützen, ja auch wissen möchten, mit wem sie's zu tun haben.

O-Ton / Atmo AIM-Song / darüber:

Erzähler:

Zu den ständigen Themen in der Zeitschrift "Coyote" gehört das Schicksal des indianischen politischen Gefangenen Leonard Peltier in den USA.

Erzählerin :
Von 1973 bis 1976 herrschte im Indianerreservat Pine Ridge im US–Bundesstaat South Dakota Bürgerkrieg. Der traditionell orientierten Bevölkerung vom Stamm der Lakota stand eine sogenannte progressive Gruppe gegenüber, die den Stammesrat stellte und von Washington bezahlt wurde. Die Traditionalisten wurden von der Widerstandsbewegung American Indian Movement unterstützt, die Progressiven von US-Militär und FBI.

Die Traditionalisten nannten die vermeintlich Progressiven vielsagend "apples": öpfel – außen rot und innen weiß.
Bei einem Schusswechsel im Juni 1975 starben zwei FBI-Agenten und ein Indianer. Drei Männer wurden landesweit gesucht. Zwei wurden noch im gleichen Sommer gefasst, und im Prozess von einem Geschworenengericht freigesprochen. Wäre der dritte Mann bei ihnen gewesen, wäre er wohl auch frei. Leonard Peltier aber war inzwischen in Kanada. Mit gefälschten Zeugenaussagen erzwang das FBI seine Auslieferung. Auf Grund der gefälschten Beweise wurde Leonard Peltier 1976 zu zweimal lebenslänglich verurteilt. Ein neuer Prozess wird ihm bis heute verweigert; sämtliche Bewährungsanträge wurden abgelehnt. Amnesty International hat ihn als politischen Gefangenen anerkannt. Er ist heute schwer krank und hofft auf eine Begnadigung durch Präsident Obama. Die nächste Prüfung auf Bewährung ist für 2024 angesetzt.

O-Ton Monika Seiller:
Als wir uns 1986 gegründet hatten, waren wir natürlich voller Hoffnung, dass wir ihn irgendwann raus bekommen, und seitdem begleitet uns dieser Fall und alle Versuche sind bislang vergeblich. Nicht ohne Grund gibt es den Begriff "prisoner of war". Das ist eine Grausamkeit und das ist quasi wie eine Folter. Es ist einfach eine Grausamkeit: die Familie sitzt in North Dakota und er muss jetzt in Florida einsitzen.

Musik 10: kurzer Akzent

Erzähler:

Der lange Atem. Zu ihm gehört auch die Unbestechlichkeit. Wie gehen wir mit dem Bösen um? Hat einer, der die Menschenrechte verletzt hat, noch Anrecht auf Recht, oder hat er seine Menschenrechte verspielt? Eine Frage, die den amerikanischen Menschenrechtler Ramsey Clark ständig umtreibt. Ihn interessieren die Parameter der Gesellschaft, die definieren, was Böse ist. Ein Attentat gilt als richtig, wenn die Zielfigur als böse ausgewiesen ist. Ist die Zielfigur offiziell gut, ist der Attentäter der Böse.

Erzählerin :
Der Jurist Ramsey Clark, 1927 geboren, stammt aus Texas und gründete 1992 in New York City die Menschenrechtsinitiative "International Action Center". Davor war er von 1967 bis 1969 US-Justizminister. Seine größte Tat: Er schaffte die Todesstrafe zumindest auf Bundesebene ab.

O-Ton / Atmo New York: Springbrunnen, in der Ferne Ambulanzsirene


Erzähler:
Besuch bei Ramsey Clark. Ein Springbrunnen am Eingang übertönt den Verkehrslärm. Clark wohnt in der 12. Straße von Manhattan, in Greenich Village, fünf Häuserblocks entfernt von den Räumen des International Action Center.

17. November 2011. Die Nacht zuvor hat die Polizei den Zuccotty Park geräumt, das Hauptquartier der "Occupy Wallstreet"-Bewegung. "Democracy Now!", eines der wenigen unabhängigen Rundfunk- und Fernsehprogramme in den USA, berichtet täglich aus dem Inneren der Bewegung.

O-Ton / Atmo "DemocracyNow!" / darüber:

Erzähler:

Ramsey Clark verfolgt das Geschehen mit Hoffnung und Besorgnis. Er weiß, wie schnell Gewalt um sich greift. An seinem Fenster steht, von Verbena umrankt, eine Bronzebüste von Mahatma Gandhi. Ramsey Clark blickt traurig durchs Fenster. Er hofft auf eine weltweite Bewegung, die nicht nur die Menschenrechte, sondern auch die Rechte der Natur einfordert. Und, dass die Bewegung über die Eigeninteressen der Demonstranten hinausgeht. Ramsey Clark war einer der ersten, die den "Occupy Wallstreet"-Leuten einen Besuch abstatteten. Neben dem 92jährigen Pete Seeger war er mit 83 wohl der älteste.

Musik 11 / darüber:

Erzählerin :
Ramsey Clark war der erste, der die Gefahren von Uranmunition veröffentlicht hatte. Vor allem aber stellt er sich immer auf die Seite derer, die von der US–Regierung zu Feinden erklärt und als Zielscheibe dargeboten werden: Er vertrat als Anwalt Kubas Staatsoberhaupt Fidel Castro, den indianischen politischen Gefangenen Leonard Peltier, den Kurdenführer Abdullah öcalan, aber auch Diktatoren wie Charles Taylor von Liberia, Serbenführer Slobodan Milosociv und Iraks hingerichteten Präsidenten Saddam Hussein. Die Schüsse auf Osama Bin Laden und Muammar Gaddhafi nennt er Mord. Er fordert faire Gerichtsverfahren für die Angeklagten im Namen der Gerechtigkeit. Derzeit engagiert er sich gegen den US-Einsatz unbemannter Flugzeuge, sogenannter Dronen. Viele internationale Menschenrechtsorganisationen brachen inzwischen den Kontakt zu ihm ab. Im Internet wird er als senil beschrieben oder als Verräter beschimpft. Das ficht ihn nicht an. 2008 erhielt er den Menschenrechtspreis der Vereinten Nationen.

O-Ton Clark
: The idea that you can attack a country because you believe its leadership is evil and that's one of the reasons I don't believe in evil, there are bad people. people do bad things (...) It's essential for every human being confronted with criminal charges … however awful his conduct as perceived is and almost in direct proportion to the degree which he has been demonised in advance which is precedes, it can't be overcome easily, the facts don't much matter, … So you have to assure people confronted with those situations if you want to have honesty and integrity in the system and a fair trial, that means that you … people shout or stand up, something like that, if you struggle it's the responsibility of the system and those who believe that law can help, security quality and freedom and justice to insist on fair trials for all, and above all for the ones we hate and fear the most.

Voice-over 2:
Die Vorstellung, dass man ein Land angreifen kann, weil man der Meinung ist, dass seine Führung böse ist, ist für mich einer der Gründe, dass ich nicht an das Böse glaube, auch wenn es schlimme Leute gibt, die böse Dinge tun. Es ist von grundlegender Bedeutung für jeden Menschen, der krimineller Vergehen angeklagt ist, zu wissen, dass er sich auf eine faire Gerichts-verhandlung verlassen kann. Das gehört zur Integrität und Redlichkeit eines gesellschaftlichen Systems. Wie übel auch die Vergehen eines Täters sein mögen, wir müssen dafür sorgen, dass auf jene ein fairer Prozess wartet, die wir am meisten hassen und fürchten.

O-Ton Ramsey Clark:
You demonize a person, that seems to justify any form of inhumanity and any form of violation of human rights, and then you feel good yourself, hahaha, which is dangerous, to put it mildly.

Voice-over 2:
Eine Person wird zum Dämon erklärt und das scheint jede Form der Menschenrechtsverletzung zu rechtfertigen. Das ist gefährlich, um es mild auszudrücken.

O-Ton Clark:
We have to be careful who the good guys and the bad guys are… We proclaim that a guy like Saddam Hussein a terrible villain,… but we is put this country through unimaginable hell since 1991, the decisions for sanctions killed hundreds of thousands of people, we killed children under the age of 5 because they are the most vulnerable, they need the most sensitive nutrition, they need most care, the same with people over sixty.., organizations like UNICEF, food program or Who or whoever, they all identified the death of hundreds of thousands of people from the sanctions, genocidal, we pay no attention, we celebrate our good work, Since then it has been chaos, every day you read in the paper about bombing, you got a million refuges still in Syria, and Syria being bashed, probably the next to go, Iran waiting in the ring for its turn, so we have to be careful about demonization of individuals and governments as justification for destroying a country.

Voice-over 2:
Wir müssen aufpassen, wen wir zu Guten und zu Bösen machen. Wir erklären Saddam Hussein zum Schurken, aber wir, die USA, schicken das Land seit 1991 durch eine unvorstellbare Hölle. Die Sanktionen gegen den Irak haben Hundertausende umgebracht, die meisten Toten sind Kinder unter fünf Jahren, sie sind die empfindlichsten, und die Alten, Menschen über 60; UNICEF und die Weltgesundheitsorganisation WHO haben den Tod von Hunderttausenden bestätigt, das gleicht einem Völkermord. Wir beachten dies gar nicht, sondern rühmen uns nur unserer guten Taten. Es herrscht Chaos im Irak. Eine Million Flüchtlinge in Syrien. Syrien steht als nächstes auf unserer Liste, und dann kommt der Iran dran.Wir dämonisieren Personen und Regierungen, um die Zerstörung eines Landes zu rechtfertigen.

Musik 12: Theodorakis / bald darüber:
Erzählerin :
Die Musik der indianischen Folkloregruppe Los Calchakis wurde von dem griechischen Komponisten und Freiheitskämpfer Mikis Theodorakis für den Film "Etat de Siege – der unsichtbare Aufstand" geschrieben. Regisseur ist Costa Gavras, dessen Filme sich seit Jahrzehnten um Verletzungen der Menschenrechte drehen. "Der unsichtbare Aufstand" greift die militärische Hilfe der USA für südamerikanische Diktaturen an; der 30 Jahre alte Film ist zeitlos. Die Gewalt in Lateinamerika wird bis heute von den USA gespeist.

Nicht nur Waffen, Geld und Militärberater schicken die USA in den Süden. Seit 1946 gibt es in Fort Benning im Bundesstaat Georgia die "School of the Americas". Dieses militärische Trainingscenter hat bis heute über 60 000 Soldaten aus lateinamerikanischen Staaten ausgebildet. Alle Diktatoren der Vergangenheit waren Absolventen der "School of the Americas". Zum Unterrichtsstoff gehören laut "Washington Post" Exekutionen, Erpressungen, Misshandlungen und Nötigungen; 1996 hat dies die Regierung unter Präsident Clinton auch eingestanden. Die Schule wurde angeblich reformiert und trägt heute den Titel "Western Hemisphere Institute for Security Cooperation". Jedes Jahr im November protestieren weiterhin Menschenrechtler zu Tausenden vor den Toren von Fort Benning. Die großen Medien ignorieren den jährlichen Protest.

Musik 13 / kurzer Akzent

Erzählerin :
Am 10. Dezember 1948 nahm die Vollversammlung der Vereinten Nationen die Universale Erklärung der Menschenrechte an. Niemand hätte sich bei dieser Abstimmung vorstellen können, dass, noch bevor das Jahrhundert zu Ende gehen würde, die Deklaration unzureichend und mangelhaft erscheinen würde.

Erzähler:
Wie hätte man sich vorstellen können, dass Firmen mit ihrer Eintragung im Handelsregister wie Rechtspersonen behandelt wurden und mit dieser Gleichstellung auch Menschenrechte genießen würden? Firmen können klagen, Wälder oder Flüsse können es nicht. Konzerne sind keine lebenden Wesen, doch weil sie von Menschen gegründet und von Menschen angemeldet wurden, werden sie vor Gesetz als Rechtspersonen behandelt.

Erzählerin :
Zu den Menschenrechten gehört die Redefreiheit. Auf dieses Recht berief sich zum Beispiel die Firma "British American Tobacco" im September 2008 in einer Antwort ans englische Gesundheitsministerium:

Zitator = Voice-over 1
Die Befähigung eines Produzenten zur Verbreitung von Information, ebenso wie auch die Befähigung des Verbrauchers, Informationen zu erhalten, ist geschützt durch den Artikel 10 der Europäischen Konvention der Menschenrechte, die die freie Meinungsäußerung – und dazu gehört auch die kommerzielle Meinungsäußerung – als Grundrecht definiert.

Musik 14 / darüber:

Erzählerin :

Im Juli 2010 erklärte die UN-Vollversammlung mehrheitlich das Recht auf Wasser zum Menschenrecht. Gemeint ist: der Zugang zu sauberem Trinkwasser. Auf den ersten Blick ist man froh, dass die UNO auf die Zeichen der Zeit reagiert. Gleichzeitig wird deutlich, wie brisant die Lage ist: Trinkwasser ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Nur Wohlhabenden ist das Recht auf Wasser garantiert. Ohne Geld kein Menschenrecht. Seit einigen Jahren kaufen Firmen wie Nestlé und Coca-Cola rund um die Welt Gebiete auf, die reich an Wasserquellen sind.

Erzähler:
Plötzlich wird deutlich: Mit dem Entzug unserer Lebensgrundlagen geht die Basis aller Menschenrechte verloren. Mit anderen Worten: Die Verletzung der Menschenrechte anzuklagen und ihre Achtung einzufordern, erscheint nahezu absurd, wenn das Land unbewohnbar wird und das Wasser untrinkbar, wenn die Luft nicht mehr zu atmen ist und jede Ernte ungenießbar, weil der Boden vergiftet ist. Ramsey Clark, der ehemalige US-Justizminister, fordert eine Revolution unseres Wertesystems.

O-Ton Clark:
I think a much more comprehensive notion of human rights is essential to survival. Torture is terrible, but there a few tortures that are worse than starvation. No one really equates the two. That shows the danger of classification (…) we have to face up to the fact that aggression, the larger part being economic exploitation, materialism, the desire for unnecessary things, is probably the greatest danger we have. Because it funnels up unusual wealth in individuals and gives them a power and a respectability that's dangerous for the continuation of life. Perhaps the greatest danger, from nuclear to everything else, is a value system that places materialism itself as the most desirable thing on earth. We want the latest… we have to enjoy again a simple life, reading, music, helping each other, love …we want the latest while children in five continents are dying from hunger. We need a revolution of our values.(…) If the next billion wants the same things we want, mother Earth can't stand the demand.

Voice-over 2:
Ich erachte eine umfassendere Definition der Menschenrechte als essentiell für unser öberleben. Folter ist schrecklich, aber nur wenige Foltern sind schrecklicher als der Hungertod. Wir müssen unseren Materialismus erkennen, unsere Gier nach unnötigen Dingen, das ist die größte Gefahr. Es bringt Reichtum und Macht für Individuen. Vielleicht ist die Verehrung von materiellem Besitz die größte Gefahr neben der atomaren Bedrohung und allem anderen, zugrunde liegt ein Wertesystem, das Besitz zum Wert erhebt. Wir müssen wieder die wahren Werte des Lebens erkennen, Literatur, Musik, gegenseitige Hilfe, Liebe… wir wollen das neueste Modell von allem, während auf jedem Kontinent Kinder verhungern. Wir brauchen eine Revolution der Werte. Wenn die nächste Milliarde Menschen das Gleiche will, was wir begehren, dann ist Mutter Erde am Ende.

Musik 15 / darüber:

Erzähler:

Plötzlich wird deutlich: Die neuen Täter, die unsere Menschenrechte missachten, sind keine Folterknechte oder Militärberater, keine Diktatoren oder Geheimdienstagenten. Die neuen Täter haben kein Gesicht und kennen keine Ländergrenzen. Sie sind weit weg und nah zugleich. Sie sind Teil von uns. Wir gehören dazu.

Erzählerin :
Wir nutzen Atomstrom und wissen nicht, wie viele Menschen für den Abbau von Uran sterben. Unsere Regierungen führen Kriege mit Uranmunition, und wir kümmern uns nicht darum, weil wir nichts davon wissen. Wir kaufen biologische Früchte und kümmern uns nicht um den Saat-Multi Monsanto, der unfruchtbare Saatgüter in alle Welt verkauft. Wir haben das Smart-Phone in der Hand und empören uns über die Naturzerstörung durch den Abbau seltener Erden. Unsere Gesellschaft verurteilt die Verletzung der Menschenrechte und nutzt täglich Ressourcen und Produkte, die unter massiven Missachtungen der Menschenrechte gewonnen und geschaffen wurden.

Erzähler:
Zum Beispiel: Gold. Gold ist wertvoll. Und der Grundstoff schöner Dinge. Manchmal rät uns der Zahnarzt zu Gold. An die Verwendung in der Elektronik denken wir kaum. An die Menschenrechte schon gar nicht. Es sei denn, uns werden die Augen geöffnet.

Musik 16 / kurzer Akzent

Erzähler:

Der Münchner Unternehmer und Umweltaktivist Christoph Schwingenstein, Jahrgang 1945, einer der Mitgründer der deutschen Sektion von Human Rights Watch, kann Gold nicht mehr so sehen wie früher. Er kommt auf dem Fahrrad zu unserem Treffen im Münchner Stadtteil Schwabing.

O-Ton Schwingenstein:
Wenn ich bei einem Goldschmied vorbeikomme oder in einem Museum eine Sammlung von Goldschmuck sehe, das gefällt mir, wie viele andere Menschen auch, auf den ersten Anhieb, aber seitdem ich weiß, dass da mehr dahinter steckt. Es wird Gold heut so gewonnen, dass man eher Goldstaub hat, und dieser Goldstaub muss dann gebunden werden durch irgendein Mittel, und das ist entweder Quecksilber oder Zyanid, zwei extrem giftige Substanzen, und wenn man die Vorkehrungen nicht beachtet, dann wird bei dem Prozess der Goldgewinnung Zyanid oder Quecksilber im Gelände verbreitet. Wie Abwasser schwimmt das davon und ist hochgiftig. Vor ein zwei Jahren ist ja so ein Stausee, in dem eine Menge zyanidhaltiges Abwasser enthalten war, gebrochen, und das hat eine Gegend in Rumänien kontaminiert… der rumänische Staat, in Transsylvanien, will jetzt wieder in diesem Gebiet Gold abbauen lassen, von einem großen internationalen Konzern, und auch da befürchtet man wieder, dass die Konzerne sich nicht an die Schutzmaßnahmen halten.

Erzähler
Christoph Schwingenstein hat dazu einen Vorschlag:

O-Ton Schwingenstein:
Jetzt geh mal in so ein Trauringhaus rein und sag, was ihr da kauft, das ist ja alles unter grauenvollen Zuständen entstanden, da will ja keiner mehr einen Ehering anfassen. Ich sag immer: der Ehering, was ist denn damit los? Da ist man ganz hautnah dran an der Sache.

Musik 17 / kurzer Akzent

Erzählerin :

Der lange Atem. Er reicht nicht mehr aus. Es gilt, Luft zu holen und die Augen zu öffnen. Die Wächter der Menschenrechte haben erkannt: Um die Menschenrechte zu wahren, ist es notwendig geworden, darauf zu achten, wie wir leben. Nur eine Lebensweise, die das Leben achtet, respektiert die Menschenrechte.

Erzähler:
In seiner Dankesrede am 25. September 2011 konzentrierte sich Hollman Morris, der kolumbianische Preisträger des Nürnberger Menschenrechtspreises, auf die Verbindung zwischen Rohstoffen und Menschenrechten und plädierte an die Nutzer, auf die Regierungen Einfluss zu nehmen. Die Fortsetzung einer ressourcenfressenden und naturzerstörenden Wirtschaft gehe unweigerlich mit einer Verletzung der Menschenrechte einher. Tjan Zaotschnaja, die Frau aus der Kamtschatka, die sich bei der Gesellschaft für bedrohte Völker engagiert, appelliert an das Verantwortungsbewusstsein jedes einzelnen.

O-Ton Tjan Zaotschnaja:
Das ist sehr wichtig, dass auch Menschen hier versuchen, wenigstens ein bisschen was zu verstehen, was Menschen auf der anderen Seite wollen … was sie unter menschenwürdiges Leben verstehen. Es geht uns hier gut, und wir leben im Wohlstand, aber wir haben ja die Verantwortung gegenüber Menschen, von denen wir das beziehen, womit wir hier gut haben, zum Beispiel Erdgas, und Erdöl, andere Rohstoffe, die wir beziehen, und die Atomabfälle, die werden ja nach Sibirien geschickt, es ist wichtig, auch darüber zu sprechen, was wir Gutes nehmen und was wir Schlechtes abgeben.

Musik 18 / kurzer Akzent / darüber:
ABSAGE

Stationssprecherin:
DER LANGE ATEM
Vom zähen Ringen um die Menschenrechte
Ein Radiofeatuure von Claus Biegert.

Gesprochen haben Sabine Kastius. Detlev Kügow,
Gert Heidenreich und der Autor
Studiotechnik: Josuel Theegarten
Regie: Joseph Berlinger
Redaktion: Helga Montag
Eine Produktion der Abteilung Hörbild und Feature des Bayerischen Rundfunks


O-Ton Clark:
We need a revolution of our values.