Gesendet am 9. Dezember 2007 im Kulturjournal, Bayern 2

Besuch bei Ramsey Clark

Ramsey Clark

Foto von Ramsey Clark © Claus Biegert


Ihre Karrieren führten sie ins Zentrum der westlichen Weltmacht: Der Jurist Stewart Udall aus Arizona diente von 1961 bis 1969 als Innenminister den Präsidenten John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson, der Jurist Ramsey Clark aus Texas war von 1967 bis 1969 Justizminister. Zwei Jahre also waren die beiden großen Männer amerikanischer Politik während der Johnson-Ära zusammen in Washington, gemeinsam verließen sie das Weiße Haus. Sie hinterließen beide Spuren: Der Innenminister hatte Nationalparks geschaffen und der Nation die schönen Künste näher gebracht, der Justizminister hatte die Todesstrafe abgeschafft.

Doch kaum hatten sie der Regierung den Rücken gekehrt, konnte man bei beiden eine Verwandlung beobachten. Die Minister taten das, zu was sie während ihrer Amtszeit nicht gekommen waren, was ihnen vielleicht auch so nicht gelungen wäre: Sie schauten sich die Stätte an, in der sie täglich zur Arbeit erschienen waren. Dieser Blick öffnete beiden die Augen. Betrachtet man die nun folgenden Kapitel ihrer Biographien, dann sind Betroffenheit und Enttäuschung zu spüren – und ein Sich-Schämen, zu dem die wenigsten die Größe haben.

Stewart Udall, 1993 in einem Interview, das Keith Schneider von der New York Times mit ihm führte:

Sprecher
"Das atomare Wettrüsten und die Geheimhaltungspolitik der Atomindustrie haben die amerikanische Rechtsprechung über den Haufen geworfen und unsere öffentliche Moral untergraben. Die Täuschungen und Lügen, mit denen unsere Regierung die Atomindustrie geschützt hat, sind einmalig in der Geschichte der USA. Unsere Regierung hat eine Industrie geschützt, die sich von nichts und niemandem aufhalten ließ, und die bereit war, unsere eigenen Leute zu opfern."

Heute hat Udall unter den Opfern von Atomtests und Uranabbau einen großen Namen. Er ließ sich die dunklen Geschichten des Atomzeitalters erzählen – von den Downwinders, den Leidtragenden in Windrichtung der Atomtests, von Arbeitern aus Bombenfabriken, von Bergleuten aus den Uranminen, von den Angestellten in Uranmühlen. Dann verklagte er die US-Regierung – und hatte Erfolg: 1988 wurden in sechs US-Staaten die Atomwaffenfabriken geschlossen, 1990 wurde ein Gesetz zur Wiedergutmachung an Strahlenopfern verabschiedet: der Radiation Exposure Compensation Act.

Clark, der ehemalige Justizminister, schlug einen anderen Kurs ein: Er vertrat die Seite derer, die von der US-Regierung zu Feinden erklärt und dem öffentlichen Haß als Zielscheibe dargeboten wurden: Er vertrat Kubas Staatsoberhaupt Fidel Castro, den indianische Gefangene Leonard Peltier, den Kurdenführer Abdullah Özalan, aber auch Diktatoren wie Charles Taylor von Liberia, Serbenführer Slobodan Milosociv und – wie zuletzt – Iraks entmachteten Präsident Saddam Hussein.

Stewart Udall und Ramsey Clark – ich hatte Gelegenheit, beide Männer in ihrem Umfeld agieren zu sehen, sie an ihren Schreibtischen zu beobachten. Nichts erinnerte mehr an die Posten, die sie einmal besetzt hatten. Der Mantel der Macht war abgelegt, ersetzt durch die Aura des Aktivisten. Dem Aktivisten Ramsey Clark soll hier unsere Aufmerksamkeit gelten. Im Juni diese Jahres traf ich Ramsey Clark in seiner Wohnung im New Yorker Stadtteil Greenwich Village.

Ein Appartmentgebäude in einer Querstraße, vor den Fenstern seiner Wohnung Baumkronen, von dort klingen Zikaden ins Zimmer. Neben seinem Sessel ein Bücherturm, er greift das oberste Werk, blickt versonnen darauf, eine Biografie des Apachenhäuptlings Geronimo, den das US-Militär einst jagte wie kaum einen anderen Indianerhäuptling. Präsident Bush und Geronimo, eine Kombination, wie geschaffen für den Juristen, der den amtierenden US-Präsidenten am liebsten als Angeklagten vor Gericht sehen würde.

Prescott Bush, der Großvater von George W. Bush, hatte, als er 1918 in Oklahoma als Soldat stationiert war, den Schädel Geronimos ausgegraben und als Trophäe nach Yale gebracht, wo er in den Besitz des Geheimordens "Skulls and Bones" überging. Präsident Bush ist Mitglied des Ordens. Nachfahren des Häuptlings kämpfen um die Rückgabe des Schädels und haben bei Ramsey Clark Gehör gefunden.

Geronimo ist für ihn ein Archetyp des Dämons in der amerikanischen Geschichte. Im Völkermord an den Ureinwohnern sieht Clark den amerikanischen Imperialismus von heute verwurzelt:

O-Ton 2:
...it came out very clearly at the Gulf War ...commanders who talked: Now we're going into Indian Country … because Indian Country meant: Shoot first, ask questions later, (...) we know where that came from

Sprecher (Voice over):
Im Golfkrieg sagten die Befehlshaber: Jetzt geht's ins Indianerland. Das hieß: Erst schießen, dann fragen.

Ich will mit Ramsey Clark über das Böse reden. Will seine Beweggründe kennen lernen, die ihn veranlaßten, Saddam Hussein zu verteidigen. Doch noch richtet sich sein Fokus auf Bush.

O-Ton 3:
He is a child of wealth and privilege and thinks he can do what he wants to do ... He intends to maintain a major military presence in Iraq whatever they cost and I think he'll send Tomahawk Cruise missiles towards the known nuclear sites in Iran before he leaves office. He thinks that will be one of the great accomplishments of his administration. That sounds far fetched, but we got to remember that Clinton send 21 Tomahawk Cruise Missiles and destroyed the Al-Shifa Pharmaceutical plant, that sounds like not much until you realize that there is no thing in Sudan that could have been destroyed that would have destroyed so many lives.(...)85 percent of all the pharmaceuticals available for the people of Sudan came from this plant, it was the flagship of their whole health care system, and the pride of their health care system, it was brand new, it produced all malaria medicine, for the first seven causes of death malaria being number one, all of the pharmaceuticals available... he just wiped it out, I went there three, four days later, nothing standing… those missiles cost a couple of million bucks a piece, peanuts for our defence budget.

Sprecher (Voice over):
Bush ist ein Kind des Reichtums und der Privilegien und meint, er kann tun, was er will. Er will eine signifikante militärische Präsenz im Irak, koste es was es wolle, und ich vermute, dass er, bevor er abtritt, auch noch Tomahawk-Langstreckenraketen auf Nuklearanlagen im Iran abfeuern läßt. Das wird er dann als Verdienst seiner Regierung ausgeben. Das mag für manche Ohren weit hergeholt klingen, doch wir dürfen nicht vergessen, dass sein Vorgänger Bill Clinton die Arzneimittelfabrik Al-Shifa in Khartoum mit 21 Tomahawks beschießen ließ. Das mag auf den ersten Blick nicht so gewaltig klingen, bis man dann genauer hischaut und sieht, dass 85 Prozent aller Arzeimittel im Sudan aus dieser Fabrik kamen, es war der Stolz ihres Gesundheitssystems, alle Mittel gegen Malaria wurden hier hergestellt, Malaria ist im Sudan die Todesursache Nummer eins muß man wissen. Ich war drei Tage danach dort, nichts stand mehr. Diese Tomahawk-Raketen kosteten ein paar Millionen Dollar das Stück, aber das sind ja nur Peanuts für unser Verteidigungsbudget.

Wie gehen wir mit dem Bösen um? Eine Frage, die Clark ständig umtreibt. Ihn interessieren die Parameter der Gesellschaft, die definieren, was Böse ist. Ein Attentat gilt als tapfere Tat, wenn die Zielfigur als böse ausgewiesen ist. Ist die Zielfigur offiziell gut, ist der Attentäter der Böse. Johan Galtung, der Begründer der Friedensforschung und Träger des Alternativen Nobelpreises, behauptet, es gäbe keine bösen Menschen, sondern nur böse Taten. Ramsey Clark teilt Galtungs Sicht, er nickt lange, in der Hand immer noch das Buch über Geronimo. Und mit einem Mal wird in der Sichtung von Recht und Unrecht die Reminiszenz eines alten Mannes spürbar, ein Rückblick auf die frühen Jahre, als er noch die Möglichkeit hatte, dem Recht zu seinem Recht zu verhelfen.

O-Ton 4: Die O-Töne 4, 5 und 6 sind eine gemeinsame Zuspielung, in der zwischen den Voice-over-Passagen der O-Ton hoch gezogen wird.
First, I have to say that I spent a good part of my life defending hated and feared and despised people... I always opposed the death penalty (...) we stopped the death penalty… first year in the history of this country that there were no executions... why? Because I was the Attorney General.. we stopped federal executions from 1963 ... was the last one... to 2001 when the Oklahoma City bomber was executed ... and we stopped state executions which has always been the vast majority of executions in the United States, first year in our history was 1968, the same year Martin Luther King was murdered and Bobby Kennedy was murdered, the year of the most wide spread race riots in our history ... fear of rising crime no executions ... here we have Bush opposing stem cell legislation for research…saying all life is sacred. But he executed more people then any government in history, he executed 153 people... more then the number Saddam Hussein was convicted for, 148 executions on which he signed the warrants. Bush never gave a commutation, he executed women, he executed retarded people which I can hardly stand and he executed people who were under the age of 18 when the offence of which they were convicted and executed occurred which offends international law ... all in Texas, when he was governor of Texas.. and he executed aliens in violation of the convention on diplomatic relations where you're supposed to tell the foreign diplomats when you have a citizen of their country being charged in a capital case cause they may wanna help 'em, because usually when they don't have any money they can't get counsel, they don't speak the language...

Sprecher (Voice over):
Einen Großteil meines Lebens habe ich damit verbracht, gehaßte und gefürchtete Personen zu verteidigen. Gleichzeitig habe ich immer die Todesstrafe abgelehnt. Als ich das Justizministerium leitete, schafften wir die Todestrafe ab. 1964 war das erste Jahr in der Geschichte der USA ohne Todesurteile auf Bundesebene, diese Ära endete 2001 mit der Hinrichtung des Bombenlegers von Oklahoma City. Wir schafften 1968 auch die Todestrafe in den einzelnen Bundesstaaten ab, leider war 1968 trotzdem ein Jahr der Gewalt: Martin Luther King und Bobby Kennedy wurden ermordet und eine Welle von Rassenunruhen ging durch unser Land.

Nun haben wir Bush, der die Stammzellenforschung ablehnt mit dem Argument: Alles Leben ist heilig. Schauen wir uns mal an, wie heilig ihm das Leben ist: Als Gouverneur von Texas hat er mehr Todesurteile unterschrieben als Saddam Hussein. Saddam werden 148 zur Last gelegt, bei Bush waren es 153. Bush sprach in seiner Amtszeit nie eine Begnadigung aus, er ließ Frauen hinrichten, geistig Behinderte, was mir Übelkeit bereitet, und Verurteilte, die zur Tatzeit noch nicht 18 waren, was internationalem Recht widerspricht.

Er ließ auch Ausländer hinrichten und verstieß dabei gegen die Konvention diplomatischer Beziehungen, die vorschreibt, dass bei Schwerverbrechen die Vertreter des Heimatlandes des Verurteilten benachrichtigt werden müssen. Die diplomatische Vertretung muß die Chance haben, ihren Bürgern einen Anwalt zur Seite zu stellen, wenn jene mittellos sind oder die Sprache nicht sprechen.

O-Ton 5:
We present a human face but behind that face our actions is violent … this country (…) we grew out of violence and alle the people have ... your entertainment, not your serious thoughtful art, your entertainment, take movies, television, popular books they all feature violence. The average person in America doesn't know a person murdered but if you watch the television there are murders every night all over the place, you go to the movies and there are Rambos there all the time ... its (?) it's almost the greatest violence, the greates explosion, the greates force, the greatest person getting killed … they are always bad … we are good they are bad ... so you get back to demonization.

Sprecher (Voice over)
Wir zeigen uns der Welt mit einem menschlichen Gesicht, doch das Gesicht ist eine Maske und hinter dieser Maske ist Gewalt. Unsere Nation wurde aus Gewalt geboren und unsere Unterhaltungsindustrie spiegelt es wider, ich spreche nicht von der Kunst, ich spreche von der Unterhaltung, im Kino, im Fernsehen, in Büchern, immer wird Gewalt propagiert. Der Durchschnittsamerikaner kennt im wirklichen Leben höchst selten einen Mörder, doch über das Fernsehen kommen die Mörder jeden Abend ins Haus, und in den Kinos sorgen die Rambos für Gewaltorgien, in denen wir immer die Guten und die Anderen die Bösen sind. Womit wir wieder bei der Dämonisierung landen.

O-Ton 6:
I wrote a book in 1970 "Crime in America" which was a bestseller for quite a long time. It started out saying that "crime reflects the character of a people not just a few who are called criminals, because it is a culture that creates capacities for any social convict, for arming others, if you look at the capacity we create here, it's staggering, you know, our crime rate, our murder rate, our violence (?) rate (...) And I believe that the presumption of innocence is not a legal, technical rule, it's a way of life. (...)..we pick this leaders and we demonise them.

Sprecher (Voice-over):
1970 veröffentlichte ich ein Buch mit dem Titel "Crime in America", es war lange ein Bestseller. Das Buch beginnt mit der Behauptung, dass ein Verbrechen den Charakter der Menschen widerspiegelt, nicht nur der Menschen, die wir Verbrecher nennen, sondern den Charakter einer Kultur, denn es ist die Kultur, die die Bedingungen dafür schafft. Schauen wir uns doch unsere Kultur an mit ihrer Verbrechensrate, ihrer Mordrate. Es ist alles eine Frage der Kultur. Ich halte die Annahme, dass erst einmal von der Unschuld des Verhafteten auszugehen ist, nicht nur für eine juristische Formalität, für mich ist sie Ausdruck einer Kultur. Ebenso wie unsere Methode, unsere Feinde zu Dämonen zu machen.

Die Berichterstatter der marktführenden Medien tun sich schwer im Umgang mit Gut und Böse. Man könnte auch sagen: Sie machen es sich leicht. Das propagierte Raster der Wertung wird von oben übernommen, Zweifel würden das Bild stören. Einen wie Ramsey Clark will man da lieber nicht auf die Bühne lassen. Doch seine Popularität macht es schwer, ihn zu ignorieren. Und so liest sich zwischen den Zeilen der großen Zeitungen immer wieder die Vermutung, dass wir es hier mit einem senilen Ex-Politiker zu tun haben, der nicht mehr im Stande ist, die Realität einzuschätzen. Dies ficht ihn nicht an. Sein Gedächtnis hat nicht die Lücken, die vielen Medien eigen sind.

O-Ton 7:
I spend a lot of time in Iran supporting people opposing the Schah through the Seventies, when the Iraq-Iran war came I just desspaired because it was such an awful senseless war, it cost a million lives of young people particulary on the Iranian side which had three fourth to two thirds of causalties because the Schah's huge military empire had deserted, that was Iran when the Scha left and within two month the desertation rate of the army was 60 percent. people gertting out of the army out of the corps and getting out of the country, because the people hated them, SAVAC, if you were identified as SAVAC on the streets you were torn from limp to limp ... but the Schah was our man, we have what you call surogat violence...

Remember what Franklin Roosevelt said about Somoza in Nicaragua: He may be a son of a bitch but he is our son of a bitch. That's the way we are.

...the Schah killed as many as he dared in his last year and the Iranians gave us a true example of the possibility of non-violent overthrow of a very violent government by simply taking it into the streets and putting their bodies on the line. In that country you could see young women could go up to soldiers, as I have seen it many times,... they try to stick the stem of the rose into the rifle and ask why do you shoot at your sisters?

Sprecher (Voice over):
Ich verbrachte in den Siebziger Jahren viel Zeit im Iran und unterstützte die Leute, die gegen das Schah-Regime Widerstand leisteten. Als dann der Irak-Iran-Krieg kam, war ich wirklich verzweifelt – was für ein schrecklicher, sinnloser Krieg das war, die meisten Jugendlichen, es waren Millionen, starben auf der iranischen Seite, da dessen Militär geschwächt war. Geschwächt, weil nach Verschwinden des Schah 60 Prozent der Armee desertierte. Das galt auch für den Geheimndienst SAVAC. Soldaten und Agenten hatten Angst vor dem Volk, das sie vorher in Angst versetzt hatten. Wer auf den Straßen als SAVAC-Mitarbeiter erkannte wurde, der mußte um sein Leben fürchten. Ja, der Schah war unser Mann, wir bedienen uns gern einer Ersatz-Gewalt. Das läßt mich an Franklin Rossevelt denken – als Somoza Diktator in Nicaragua war, sagte er: Somoza mag ein Hurensohn sein, aber er ist unser Hurensohn! Das ist unser Stil. So war es auch beim Schah. In seinem letzten Jahr wütete er im Volk und die Iraner gaben uns ein Beispiel für gewaltfreien Widerstand gegen ein gewalttätiges Regime. Ich habe selbst mehrmals beobachtet, wie Frauen auf die Soldaten zugingen und ihnen Rosen in die Gewehrläufe steckten und sie fragten: Warum schießt ihr auf eure Schwestern?

Auch Saddam Hussein war einmal ein Mann der USA. Fallen gelassen, galt er als Verkörperung des Bösen. Die Häuptlinge der sechs Nationen der Irokesen, einem indianischen Völkerbund im Osten der USA, ließen vor Beginn des Irakkriegs wissen, dass man sich in ihrer Kultur dem Bösen immer mit Singen genähert habe, also: Entwaffnung mit spirituellen Kräften. Sie wurden nicht ernst genommen. Mag Benjamin Franklin die politische Weitsicht der sechs Nationen zwei Jahrhunderte früher noch für die amerikanische Verfassung inspiriert haben, seine Nachfolger wollten keine Anregung esotherischer Natur, sie wollten den Krieg. Als Saddam Hussein gefangen genommen war, bot sich Ramsey Clark sofort als Verteidiger an, gemäß seiner Berufsethik, dass dem schlimmsten Verbrecher ein fairer Prozess zustehe. Viele brachen damals den Kontakt zu ihm ab, darunter auch die internationale Menschenrechtsorganisation "Gesellschaft für bedrohte Völker".

O-Ton 8:
The idea that you can attack a country because you believe its leadership is evil and that's one of the reasons I don't believe in evil, there are bad people, ...people do bad things...

It's essential for every human being confronted with criminal charges ... however awful his conduct as perceived is and almost in direct proportion to the degree which he has been demonised in advance which is precedes, it can't be overcome easily, the facts don't much matter, ... So you have to assure people confronted with those situations if you want to have honesty and integrity in the system and a fair trial, that means that you … people shout or stand up, something like that, if you struggle it's the responsibility of the system and those who believe that law can help, security quality and freedom and justice to insist on fair trials for all, and above all for the ones we hate and fear the most.

Sprecher (Voice-over):
Die Vorstellung, dass man ein Land angreifen kann, weil man der Meinung ist, dass seine Führung böse ist, ist für mich einer der Gründe, dass ich nicht an das Böse glaube, auch wenn es schlimme Leute gibt, die böse Dinge tun. Es ist von grundlegender Bedeutung für jeden Menschen, der krimineller Vergehen angeklagt ist, zu wissen, dass sie sich auf eine faire Gerichtsverhandlung verlassen können. Das gehört zur Integrität und Redlichkeit eines gesellschaftlichen Systems. Wie übel auch die Vergehen eines Täters sein mögen, wir müssen dafür sorgen, dass auf jene ein fairer Prozess wartet, die wir am meisten hassen und fürchten.

O-Ton 9:
...the possiblity of prejudice … if you made allegations against a person … and you ought to have someone who is free of that burden, if you can find such a person, with Saddam Hussein it was a circus, you had clowns, no one serious, but finally there was no possibility, we were permitted of … the defense, we couldn't go to (?) I never tried a criminal case where I didn't go to the scene first to see … we couldn't get any witnesses, it was impossible to try the case and they wouldn't give us documents, the US seized all the documents (...)The trials leave a terrible mark, they are a corruption of justice, we had the major document which was presented to the court … the judges hated him, the present judge had been twice tried, once by a court when Saddam Hussein was head of the government and sentenced to death for opposition to him, and there was a TV statement that he made about a year before he went on the court, he said: You don't need a trial, just an execution!

... they changed the judges, we never knew who some of the judges were because they kept this secret but you knew who the chief judge was because he was appearing all the time on television, they had to have a face for the court …he was the first judge, the second judge they removed, two judges (?)…in front of this guy and he just cut off all the possibilities of cross examination, documentation, retrieval, a fair trial to the end. It's a black mark for international justice, the US dominated the court from the beginning, they paid the judges, they trained the judges, they selected the judges, they protected the judges, the judges' lives were worth a nickel, if the weren't protected by the US, the US military, we lost three lawyers out of seven who represented Saddam Hussein, three were murdered during the trial...

Sprecher (Voice over):
Die Möglichkeit von Vorurteilen muß ausgeschaltet werden. Nur wer frei ist von der Last der Vorurteile, darf zu einem Prozess zugelassen werden. Der Prozess gegen Saddam war ein Zirkus, überall Clowns, es war nicht ernst zu nehmen. Der Verteidigung wurde nicht gestattet, Ortsbesichtigungen vorzunehmen oder Zeugen zu befragen. Die US-Behörden hatten zudem alle Dokumente beschlagnahmt, Kreuzverhöre wurden auch untersagt.

Die Prozesse im Irak sind ein Schandfleck, sie vergewaltigen das Recht, die Richter waren voll Haß gegen Saddam, der oberste Richter sagte in eine Fernsehkamera auf dem Weg ins Gericht: Wir brauchen keinen Prozess, nur eine Hinrichtung. Die übrigen Richter wechselten oft und man wußte nie, wer sie waren, da ihre Namen geheim gehalten wurden. Die USA hatten bei diesem Gericht die Hand drauf, sie wählten die Richter aus, sie schulten sie, sie bezahlten sie, sie beschützten sie, denn ihr Leben war keinen Pfennig wert, von den sieben Anwälten der Verteidigung wurden drei während der Gerichtsverhandlungen umgebracht.

O-Ton 10:
you can recluse a judge for prejudice, we tried to remove this judge for prejudice cause he reeked with prejudice - denied, no reasons given, no denial … are you from Halabja. Halabja is the pre-eminent village in Kurdistan, in the late 1980s it was destroyed, there was a battle going on between Iranian and Iraqi soldiers, and some gases were used, (...) that's the Halabja case … this man was from Halabja, he lost the chief judge, he lost relatives and friends there in the community there, among the many other reasons for his prejudice there, he wouldn't excuse himself, how could he possibly be fair?

...If the village and the families remained where you came from, were destroyed in this horrendous genocidel assault there, and you're the judge, even if somehow or other, you had the capacity for pure reason, and he works out of compassion – the appearance is wrong. How can people believe, you should be the judge … somebody who is neutral, unempowered, who can be objective, who doesn't have a background that gives him emotions on that subject.

Sprecher (Voice over):
Man kann einen Richter wegen Vorurteilen ablehnen, wir versuchten das mit dem obersten Richter, doch wir wurden mit unserem Antrag abgewiesen. Der Mann kam aus Halabja, jener kurdischen Stadt, die im Iran-Irak-Krieg von der iranischen Armee besetzt und darauf von der irakischen Armee mit Giftgasbomben angegriffen und nahezu zerstört worden ist. Dieser Mann hatte Verwandte und Freunde verloren in diesem Massaker, das einem Völkermord glich. Wie kann ein Anwalt aus Halabja der oberste Richter im Prozess gegen die Saddam sein, der für die Angriffe der Armee verantwortlich war? Als Betroffener kann er nicht neutral sein, nicht objectiv, nicht emotionsfrei. Ein solcher Mann darf einfach nicht der Richter sein.

Ramsey Clark bringt mich zur Tür, aufrecht, schlank, fast mager, die Augen wach und beweglich, immer um das Gesamtbild bemüht – ohne Kontext kein Urteil. Er schaut mich an, bis die Tür des Lifts unsere Blicke trennt. Wahrscheinlich wird er gleich zum Telefon greifen und die Erben Geronimos anrufen, für den nächsten Tag ist außerdem ein Flug nach Afrika gebucht. Ruhestand ist ihm fremd, wäre eine Strafe. Solange die öffentliche Meinung auf eine Seite drängt, lehnt sich er auf die andere. Denn die Mitte, so sagte einmal sein Freund, der inzwischen 95-jährige Radioreporter Studs Terkel, die Mitte ist in den USA ganz links außen. Und dort finden wir Ramsey Clark. Er will zur Mitte, dort wo sich der Zeiger von Justizias Waage einpendeln soll. Ein Satz aus seinem Mund klingt bis auf die Straße nach: Versöhnung ist der einzige Weg zum Frieden. In diesem Satz kommt auch das andere Amerika zum Klingen – das wofür er kämpft.

O-Ton 11:
All of humanity knows that reconciliation is the only way to peace.