Nachruf: Carl Amery

Der Poet für die Erde

Carl Amery

Carl Amery Foto © Claus Biegert


Wenn ich die Augen schließe, höre ich diesen Satz aus seiner Feder: "Der Mensch ist erst dann die Krone der Schöpfung, wenn er erkennt, dass er sie nicht ist." Ein Satz, den man laut auf der Zunge ballancieren muß, um die Botschaft unter dem poetischen Mantel zu erfassen. Ein Satz, der an Gültigkeit nie verlieren wird. Ein typischer Amery-Satz.

Die Menschen, die in seinem Aktionsradius lebten, hatten das Glück, diesen und andere Sätze aus seinem Munde zu hören, in seiner unvergleichlichen Stimme. Diese Stimme kam aus einem Resonanzkörper, der bis zum letzten Tag am Klingen war – bairisch gefärbt, warm, dröhnend, pointiert, hartnäckig, scharf, heiter, immer auf Seiten der Schwachen. Zu den Schwachen gehörte eben auch die Schöpfung, die er, der kritische Katholik und grüne Denker und politische Poet, aus den Bibelseiten der Genesis ins Hier und Heute holte, uns als höchstes Gut vor Augen führte und mit genialen Wortstreichen gegen die Fraßgier des Kapitalismus und die Vergötzung des Konsums verteidigte.

Carl Amery hieß eigentlich Christian Anton Mayer und wurde am 9. April 1922 in München geboren. Seine Kindheit verbrachte er überwiegend, als Mitglied der Katholischen Jugend in Passau und Freising, beide Städte sollten ihre Spuren in seinen Werken hinterlassen, vor allem in "Der Untergang der Stadt Passau" und "Das Geheinnis der Krypta". Er belegte Neuphilologie und Literaturwissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, dann verschlug ihn der Zweite Weltkrieg als Kriegsgefangenen, er war 21, in die USA. Dort blieb er nach seiner Freilassung noch, studierte an der Catholic University of America und lernte seine Frau Mary-Jane kennen. 1946 kehrte er nach München zurück, beendete sein Studium und ernährte als Direktor der Städtischen Bibliotheken und als Hörspiel-Dramaturg für den Bayerischen Rundfunk seine junge Familie. Dazwischen entstanden Romane. Der erste Erfolg kam als Mitglied der legendären Gruppe 47 mit dem Roman "Der Wettbewerb".

Seine Themen konzentrierten sich auf Bayern, das Christentum, die Zerstörung der Umwelt; immer ging es ihm um Alternativen zu dengegenwärtigen Gesellschaftsformen. Als im Herbst 1976 seine Gesellschaftskritik "Natur als Politik" erschien, empörte sich die konservative Presse ob seines Engagements, "Die Welt" schrieb, es sei schade ums Papier. Das Jahr 1976 markiert den Beginn seiner ökologischen Karriere: Den Sommer hatte er in Südfrankreich verbracht und dort mit Freunden die Idee eines grenzübergreifenden Clubs europäischer Umweltaktivisten diskutiert, eine ökologische Denkfabrik ohne festes Haus als Antwort auf die zunehmende Zerstörung unserer Lebensräume. "Ecoropa" war geboren. Schon im folgenden Dezember wurde die Organisation in Paris gegründet, als Sitz wählte man Genf. Amery selbst kümmerte sich daraufhin um die Schaffung einer deutschen Sektion; 1980 entstand als deutsches Ecoropa-Büro die "E.F.Schumachergesellschaft für politische Ökologie", die er 15 Jahre lang als ihr Präsident anführte. Das geschriebene Wort reichte ihm nie: Er fungierte als Vorsitzender des Verbands deutscher Schriftsteller (1976/1977) und Präsident des deutschen PEN-Zentrums (1988-1991), seit Ende der 70er Jahre Beirat der Gesellschaft für bedrohte Völker und 1980 Mitgründer der Grünen.

Alles stehe auf dem Kopf und verlange Neuordnung, sagte er und fand 1983, als die Atomraketen der USA bei uns stationiert wurden, jetzt müßten uns die Indianer helfen: eine Delegation der Ureinwohner kam und ehrte auf einer Friedensreise die Bürgermeister der atomwaffenfreien Städte. Im Widerstand gegen Kernkraft und Kernwaffen war er zeitlebens ein zuverlässiger Verbündeter und war dabei, als 1998 der Nuclear-Free Future Award gegründet wurde.

Zu seinem 80. Geburtstag erschien der Essay "global exit". Er beschreibt die Alternativlosigkeit des totalen Marktes als eine Situation wie vor dem Jahr 312, der konstantinischen Wende. Auch damals war die herrschende Macht, die das römische Kaisertum, religiös absolut tolerant, solange dem Kaiser das eine Körnchen Weihrauch dargebracht wurde, das ihm als Gott zustand. Heute verhalte sich der totale Markt ähnlich, solange er sein "Körnchen Weihrauch" in Form von Konsum bekomme. Die Globalisierung ließ ihn im hohen Alter auch öfters übers Radio laut werden. Im Herbst 2004 verfasste er dazu einen offenen Brief an den neuen Bundespräsidenten – und Horst Köhler antwortete tatsächlich: mit einem Besuch in Amerys Wohnzimmer in der Münchner Au. Mit Briefen hat er sich verabschiedet: Sein letztes Buch verfasste er gemeinsam mit anderen; es heißt: "Briefe an den Reichtum". Seine kreative Wut und mutigen Gegenentwürfe werden uns fehlen. Jetzt ist es an uns, an diesem Vermächtnis anzuknüpfen.