Museum Villa Stuck, Richochet #9, 2015

Der gefährliche Tanz

The The Ghost Dance at Pine Ridge, by Frederic Remington

The Ghost Dance by the Oglala Lakota at Pine Ridge Agency as drawn by Frederic Remington (commons.wikimedia)



Als die Kunde von dem Tanz nach Osten drang, war man sich in Washington sofort einig: Das waren Kriegstänze! Die Mobilmachung der Wilden! Jetzt galt es, ein letztes Mal zu zeigen, wer der Stärkere war. Noch immer war die Schmach von 1876 nicht überwunden: Die Schlacht am Little Big Horn, in der die 7. Kavallerie von den vereinigten Sioux und Cheyenne besiegt worden war. Oberstleutnant George Armstrong Custer, der sich gern als General ansprechen ließ, war gefallen. Er wollte noch Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden. Der Indianerhasser, der gern eine Indianerin zu sich ins Offizierszelt holte, würde dafür einmal in den amerikanischen Heldenhimmel aufgenommen, Städte und Straßen nach ihm benannt werden – doch das sollte später kommen. Jetzt, 1889, war man in Aufruhr. Die Indianer tanzten; kaum ein Reservat, in dem sie es nicht bis zur Trance trieben. Der Westen vibrierte. Sie tanzten in Kalifornien, Oregon, Washington State, Idaho, Montana, Nevada, Nebraska, den Dakotas, Oklahoma. Präsident Benjamin Harrison sah sich gezwungen, seine Truppen in Bereitschaft zu setzen.

Was war geschehen? Wovoka, ein Visionär vom Volk der Paiute, hatte bei einer Sonnenfinsternis eine Vision und brachte kurz darauf einen neuen Tanz in die Prärie. Wovoka hieß mit englischem Namen Jack Wilson und kam aus Nevada, jenem Staat, der von den Vereinigten Staaten fünf Jahrzehnte später zum Testgebiet ihrer Atombomben und zur Lagerstätte des vereinigten Atommülls designiert werden sollte. Seit Jahrtausenden bestimmten Tänze das rituelle Stammesleben, markierten Krieg und Frieden, Jagd und Wetter, Heirat und Fruchtbarkeit, Geburt und Tod. Plötzlich gab es einen neuen Tanz: Ghost Dance! Wie ein Lauffeuer breitete er sich aus, die Zeitungen an der Ostküste berichteten darüber, als handelte es sich um eine Epidemie. Ghost Dance – der Name zielte auf die andere Welt, in der die Tanzenden mit den Verstorbenen wieder in Kontakt treten würden.

Der Ghost Dance war ein Round Dance und ein Tanz ohne Waffen; kein Speer,kein Tomahawk, kein Gewehr war zugelassen. Die Tanzenden mussten sich an den Händen halten und im Kreis bewegen. Der Tanz dauerte vier Nächte und fünf Tage und verlangte höchste Konzentration. Ekstase. Alle wollten den Ghost Dance lernen, aus gutem Grund: Wovoka hatte dem Tanz eine entscheidende Botschaft mitgegeben.

Es ging um die gemeinsame Zukunft: Wenn die Menschen den Ghost Dance lang genug tanzten, so die Prognose des Paiute-Medizinmanns, würde Frieden in dem Land einkehren. Die verschwundenen Stämme würden wiederkommen, die Toten würden auferstehen, die Bisons würden zurückkehren, niemand würde mehr Hunger leiden, die Erde würde sich erneuern, die Steingebäude und Eisenbahnschienen würden verschwinden, die Prärien würden wieder erblühen. Wenn sie nur lange genug tanzten.

Die Lakota schmückten das Ganze noch auf ihre Art. Denn der Ghost Dance war kein geheimes Ritual, er war ein Tanz für die ganze Prärie. Und sie erfanden das Outfit dazu. Die Menschen sollten sich dafür eigene Hirschlederhemden bemalen; die Lakota hatten Visionen und Ideen, welche Ornamente und Figuren die passenden waren. Die Bemalung würde die Tanzenden vor jedem Angriff schützen, keine Kugel würde ein Ghost-Dance-Shirt durchdringen.

Der Ghost Dance war ein Akt gewaltlosen Widerstands. Der Holocaust am roten Amerika war längst vollzogen; unterstützt von Seuchen und den christlichen Missionaren hatte die Schlinge der Zivilisation den Ureinwohnern die letzte Luft nahezu abgewürgt. In der Verzweiflung blieb ihnen nur der Tanz. Er gab ihnen eine magische Kraft, das Gefühl der Unverwundbarkeit verdrängte die Ohnmacht. Die Invasoren verstanden nicht, was hier vorging. Ihre Musik hatte andere Töne. Massaker wurden von Militärkapellen begleitetet.

Dann kam der Dezember 1890. Eine Gruppe von rund 300 Männern, Frauen und Kindern der Minneconjou-Lakota hatte sich ergeben und war auf dem Weg in das Kriegsgefangenenlager 344. Big Foot, ihr Häuptling, lag in einem Wagen, von einer Lungenentzündung geschwächt. Das 7. Kavallerieregiment, das die Gefangenen überwachte, hieß sie am Cankpe Opi, dem Wounded Knee Creek, ihre Tipis aufschlagen. Das Internierungslager 344 war 1871 vom Kriegsministerium eingerichtet worden; es trug auch den Namen Pine Ridge Indian Reservation. Vorausgegangen war eine Meldung der Agentur Pine Ridge an die US-Regierung mit der Bitte um militärischen Beistand.

Die 7. Kavallerie war gerüstet, sie verfügte über vier Hotchkiss-Kanonen – 1890 das neueste Kriegsgerät. Am Morgen des 29. Dezember ordneten die Offiziere die Entwaffnung der Minneconjou an. Beim Einsammeln der Gewehre wehrte sich ein junger Krieger, der seine Büchse nicht hergeben wollte. Sie war ihm viel wert, er jagte damit, und er hatte sie teuer eingetauscht. Beim Handgemenge löste sich ein Schuss. Er ging in die Luft, dennoch war es der Schuss. Sofort brachten die Soldaten die Kanonen in Stellung und feuerten auf das Lager. Zur Flucht blieb keine Zeit. Einige fingen an, zu tanzen. Über 200 Männer, Frauen und Kinder wurden zerfetzt oder starben im Kugelhagel. Die Überlebenden brachte man in eine Kirche, in der noch die Weihnachtsdekoration hing; über dem Altar ein Spruchband: »Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.« Der Historiker Dee Brown beendet mit diesem Bild sein weltbekanntes Epos Bury my Heart at Wounded Knee. Am nächsten Tag fand man den lungenkranken Big Foot: eine bizarr verkrümmte, gefrorene Leiche im Schnee. Als der Frost nachließ, hob man ein Massengrab aus. Für das Massaker am Wounded Knee erhielten 20 Soldaten eine Ehrenmedaille.

Ein Jahrzehnt später, die Jahrhundertwende: Rund 250.000 Indianer gab es noch in den USA und knapp 1.000 Bisons. Ureinwohner und Buffalos (von den Siedlern fälschlich so genannt) erschienen im 20. Jahrhundert erst wieder in der amerikanischen Öffentlichkeit, als Hollywood dem Wilden Westen im Kino ein Revival bescherte. Nun mussten die Indianer noch einmal sterben, diesmal meistens durch eine Kugel aus der Waffe von Männern wie John Wayne. Gleichzeitig wurden in allen Reservaten die Kinder den Eltern weggenommen. In christlichen Boarding Schools und in Mormonenfamilien ging man hartnäckig daran, sie auf den American Way of Life zu trimmen. Das Sprechen der Stammessprache wurde ihnen mit drastischen Methoden ausgetrieben, so mussten sie zum Beispiel die Internatsküche mit einer Zahnbürste putzen, auf den Knien. Unter die Knie wurden mit einem Tuch Murmeln gebunden. Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war eine Fortsetzung der Indianerkriege. Die perverse Fantasie des Quälens hat Tradition in der Neuen Welt. Das US-Straflager Guantanamo hat uns wieder daran erinnert.

Und der Ghost Dance? Er hörte nicht auf! Die frühen cinematografischen Aufzeichnungen in der amerikanischen Ethnografie sind Szenen des Geistertanzes. Der Ethnologe James Mooney war der erste Völkerkundler, der den Tanz aufzeichnete, die Tänzer befragte und den Tanz in einen kulturellen Kontext stellte. Er spricht von der Ghost-Dance-Religion. Aus unserer Sicht mag der Tanz die Kriterien einer Sektenpraxis erfüllen, aus indianischer Sicht ist er einfach eine spirituelle Dimension des Widerstands. Der Berührungspunkt zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt ist für die Ureinwohner der Schildkröteninsel real. Die weiße Literatur zur Ära des amerikanischen Westens im 19. Jahrhundert nennt Sitting Bull (Tatanka Iyotake), den Medizinmann der Hunkpapa-Lakota als einen Häuptlinge, die in der Schlacht am Little Big Horn gegen Custer kämpften. Aber Tatanka Iyotake weilte während der Schlacht in den Hügeln und »machte Medizin«, um den Ausgang des Kampfes zu beeinflussen. Der Beistand der unsichtbaren Welt war unverzichtbar. Für Indianer keine esoterische Komponente.

Bis in die 1920er-Jahre tanzten sie den Ghost Dance weiter. Da keine Gefahr mehr drohte, sah sich Washington auch nicht mehr gezwungen, den Tanz zu verbieten.

Dann kam der Februar 1973. Ein zweites Wounded Knee erschütterte die USA. Das American Indian Movement (AIM), eine panindianische Widerstandsbewegung, die in Minneapolis-St. Paul ihren Anfang genommen hatte, inszenierte eine symbolische Besetzung des Friedhofs und der dazu gehörenden Trading Post, um auf die miserablen Lebensbedingungen in den Reservaten aufmerksam zu machen. Die Teilnehmer bemühten sich, die Kriterien und die Klischees zu erfüllen, auf die die Medien programmiert waren: Besetzung, Gewehre, lange Haare, Fransen, Federn, Gesichtsbemalung, Trommeln, Gesang, Tanz. Auch eine Geiselnahme gehörte dazu, doch die Geiseln schlugen sich später auf ihre Seite. Die Besetzung dauerte 71 Tage, Washington reagierte wie 83 Jahre zuvor: Die Nationalgarde wurde mit Panzern ausgerüstet und rückte gegen die Besetzer an. Am Ende waren zwei Indianer tot, Verwundete gab es auf beiden Seiten. Die Besetzer riefen die »Unabhängige Oglala-Lakota-Nation« aus. Die Forderungen des American Indian Movement nach Kontrolle der Stämme über ihr Land blieben in der Bürokratie hängen.

Inden zwei Jahren des Bürgerkriegs, die folgten, nutzte das FBI die Situation und bildete im Reservat Pine Ridge über 2.000 Special Agents aus. Achtzig Tote gab es in dieser Zeit, alle auf Seiten der traditionellen Oglala-Bevölkerung. Das FBI versorgte die US-loyalen Reservatbewohner (von AIM als apples bezeichnet: außen rot, innen weiß) mit Munition und Bier, um die Konfrontation zwischen traditionellen und regierungstreuen Oglalas zu schüren und damit das Milieu der Angst – reign of terror – aufrechtzuerhalten. Ein blutiger Zwischenfall klingt bis heute nach: Bei einem Schusswechsel kamen ein indianischer Aktivist und zwei FBI-Agenten ums Leben. Drei Schuldige wurden gesucht, zwei bald darauf gefasst, vor Gericht gestellt und angesichts des Bürgerkriegs und der Rolle des FBI freigesprochen. Der Ehrenkodex des Geheimdienstes verlangte Rache und das FBI holte sich den dritten, der sich in Kanada aufhielt, mit gefälschten Zeugenaussagen: Leonard Peltier – ohne Beweise wurde er zu »zweimal lebenslänglich« verurteilt. 2016 werden es 40 Jahre sein, dass er in Haft ist. Leonard ist ein Sonnentänzer. Der Sonnentanz ist der zentrale Tanz im rituellen Jahreslauf der Prärieindianer. Seinem Bericht aus der Zelle gab er den Titel »Mein Leben ist mein Sonnentanz«. Wäre Leonard frei, würde er auch den Ghost Dance tanzen; wahrscheinlich in Crow Dog’s Paradise.

Die Familie Crow Dog besitzt Land in dem östlich angrenzenden Reservat Rosebud; hier leben die Sicangu Lakota. Leonard Crow Dog war neben Wallace Black Elk der agierende Medizinmann während der Belagerung von Wounded Knee. Sein Urgroßvater Jerome Crow Dog war ein Ghost Dancer. Indianer denken in Zyklen, für den Enkel hatte sich ein Kreis geschlossen und er brachte den Tanz zurück an diesen historischen Ort. Später musste er zwei Jahre ins Gefängnis, die Anklagen konstruierte man mit Fantasie, seine Festnahme erfolgte mit Hubschraubern, Scheinwerfern und Schlauchboten. Als er den Ghost Dance auf seinem elterlichen Land praktizierte, ließ er alle Teilnehmer weite, weiße Hemden tragen. Der Dokumentarfilmer David Baxter hat das Ritual festgehalten. Am vierten Tag des Tanzes erschien eine Formation von Adlern und kreiste über dem Platz. Normalerweise fliegen Adler nicht in Formationen.

Woodstock 1969: Amerika erlebt einen Stromstoß, bis heute ist er zu spüren. Die Rockszene erkennt die Kraft der indianischen Kultur, die Indianer erkennen die Kraft der neuen Musik. Buffy Sainte-Marie schreibt das Lied vom Universal Soldier und plötzlich kommen sie hervor, singend, das Mikrofon wird zur Waffe. Hippies und Indianer halten sich an den Händen und tanzen. Die Umweltbewegung begrüßt die Indianerbewegung, und plötzlich gehören Konzerte zum Widerstand. Und der Widerstand spricht von Mutter Erde. Die Vereinten Nationen laden Thomas Banyacya, einen Sprecher der traditionellen Hopi, ein, vor der Vollversammlung die Warnungen der jahrtausendealten Hopi-Prophezeiung zu verkünden. Plötzlich stellen sich weiße Rancher neben indianische Ökologen und sprechen von Buffalo Commons, einem Areal von Montana bis Texas, in dem Bisons wieder ungehindert grasen und die Prärien wieder den Gräsern überlassen werden. Indianische Sprachen leben wieder auf, indianische Nationen erklären sich zu atomfreien Territorien, aus den Reservaten kommen Angebote zur Energiegewinnung durch Sonne und Wind. Gleichzeitig stürzen Brücken ein und Hochhäuser zeigen Risse und Rost, brach liegende Industrieviertel in Detroit überwuchern und werden zu Gärten, Eisenbahnschienen liegen im weiten Land, ohne dass ein Zug sie braucht. Und wenn im Winter die Schneestürme den Mittleren Westen heimsuchen, dann sterben die Rinder – die Bisons überleben und weisen den Weg in die Zukunft. Fast ist es, als hätte jemand Wovokas Predigt in eine neue Sprache übertragen. Nicht weit von Wounded Knee sendet KILI, der erste indianische Radiosender, die News in Lakota – und die Manifestationen der Souveränität sind gerahmt von Rock, Rap, Powwow-Songs.

»Der Ghost Dance ist nicht tot«, sagt die indianische Radiojournalistin Laura Waterman-Wittstock. Wer die Musikszene durchkämmt, stößt auf den Ghost Dance von Robbie Robertson und auf den Ghost Dance von Pattie Smith. Und auf den Ghost Dance von Bill Miller, einem Songwriter der Lakota. Er habe in einer Ausstellung Fotos gesehen, auf denen abgeschnittene Brüste und Babies durch die Luft geworfen und von Soldaten mit dem Bajonett aufgefangen wurden, erzählt er. Die Fotografie war damals noch langsam, wir können annehmen, dass die Soldaten ihre Brutalität für den Fotografen demonstrierten. Kaum anders als 2003 bei den Digitalfotos der Gefolterten im Gefängnis Abu Ghraib, westlich von Baghdad. Bill Miller wartete, bis die Wut in ihm sich legte, dann schrieb er ein Lied der Versöhnung und nannte es Ghost Dance.

Wasi‘chu nennen die Lakota die Weißen. Wasi’chu – wer den Rahm abschöpft, wem Gier und Geiz als Werte dienen. Der letzte Vertrag zwischen den Wasi’chu in Washington und der Greater Sioux Nation (Lakota, Dakota und Nakota) wurde 1868 geschlossen; die heiligen He Sapa (Black Hills) liegen in der Mitte des Vertragslandes. Als Gold gefunden wurde, war der Vertrag wertlos. Als gut hundert Jahre später die US-Regierung einen symbolischen Dollarbetrag anbietet, ist die Antwort der Lakota, Dakota und Nakota einstimmig: »The Black Hills are not for sale!« Im September 2014 trafen sich indianische und weiße Musiker zu einem zweitägigen »Unity Concert« in den He Sapa. Die Hüter der heiligen Berge wollen die weißen Bewohner als Verbündete gewinnen, wenn sie den Großen Weißen Vater um die Rückgabe bitten. Vielleicht ist es auch einmal eine Große Weiße Mutter. Die Musik des Widerstands als Fortführung des Ghost Dance? »,Ja, so kann man es auch sehen!«, sagt Winona LaDuke, die indianische Aktivistin, die im Norden Minnesotas mit dem »assets/images/aktuell_bilder/Ghost_Dance_at_Pine_Ridge.jpg« dafür sorgt, dass das Land sich von den Leiden der letzten Jahrhunderte erholen kann.