Nachruf, Ende Mai 2014

Hans-Peter Dürr,
Peacemaker und Physiker

Hans-Peter Duerr in Berlin, 2010

Hans-Peter Dürr, Berlin, 2010


"Fehler müssen möglich sein", sagte er, "denn sie sind unsere größten Lehrer." Einer seiner größten Lehrer war Edward Teller, der Vater der Wasserstoffbombe. Der junge Physikstudent Hans-Peter aus Stuttgart, 1953 neu in den USA, suchte in Berkeley nach einem Doktorvater. Er fand ihn in Teller, der bei Werner Heisenberg, dem Entdecker der Unschärferelation, promoviert hatte. Glückliche Fügung, denn Dürr verehrte Heisenberg. Allein die Wasserstoffbombe trübte das Bild. Teller war der Ansicht, wenn nur der Beste die Bombe habe, dann sei Friede auf Erden. Und so stritt er sich mit Robert Oppenheimer, dem Vater der Atombombe, den bis aufs Bein die Zweifel plagten an seinem Tun in Los Alamos. Und jetzt wollte ihm auch noch dieser jungen Physiker aus Deutschland Paroli bieten. "Ich war entsetzt!" Für Hans-Peter Dürr war dieser Konflikt lebensbereichernd: Er erkannte die Ambivalenz der Physik, der Naturwissenschaften generell. Er hatte Physik studiert, um "zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammen hält". Jetzt konnte er zusätzlich erkennen, welche Kräfte neben der Physik wirkten und auf die Wissenschaften Einfluss nahmen.

1958 kehrte er nach Deutschland zurück. Er hatte mit seiner Arbeit über "Resonanzphänomene elektromagnetischer Felder" den Doktortitel erworben – und er hatte eine Frau gefunden: die Tanzlehrerin Sue Durham. Das Paar zog nach München. Dort habilitierte sich Dürr bei Werner Heisenberg und wurde dessen wissenschaftlicher Mitarbeiter. Heisenberg schätzte Dürrs Bereitschaft und Fähigkeit, über herkömmliche Grenzen hinauszudenken, und ernannte ihn 1978 zu seinen Nachfolger als geschäftsführender Direktor des Max-Planck-Instituts für Physik und Astrophysik und des Werner-Heisenberg-Instituts für Physik. Bis 1990 war er im Amt, daneben lehrte er an der Ludwig-Maximilians-Universität. Als er in Pension ging, ging's erst richtig los, denn er behielt sein Büro im Institut. Von dort aus warf er viele kleine Anker aus in die Welt.

Ein Wissenschaftler, der die Wirklichkeit ausblendet, um sich der Wissenschaft hinzugeben, war er nie. Und Pazifist schon früh. Sein Vater, ein Gymnasiallehrer für Mathematik, fiel in eine Depression und kam 1943 mit einer Pistole in der Hand nach Hause und wollte in seiner Verzweiflung über den Krieg seine Frau, die zwei Söhne und die vier Töchter erschießen, um ihnen zu erwartendes Leid zu ersparen. Die beherzte Mutter konnte das Unglück verhindern, bis ins hohe Alter sprach sie davon. 1944 wurde der Vater eingezogen und starb wenige Monate später an der Front. Hans-Peter musste 15-jährig im letzten Kriegsjahr die Uniform anziehen. Bei der totalen Zerstörung von Pforzheim verlor er seine beste Freundin, deren verbrannten Körper er begraben musste. An diese Erlebnissen erinnerte er sich, wenn Teller ihm den Segen der Bombe erklären wollte. Und wenn er gegen die Star Wars-Pläne von US-Präsident Ronald Reagan eine internationale Opposition aufbaute; dafür erhielt er 1987 den Alternativen Nobelpreis (Right Livelihood Award), der ihm als Attribut in der internationalen Friedensbewegung gute Dienste leisten sollte. Es war naheliegend, dass er sich der Pugwash-Bewegung anschloss, die der Kernphysiker Józef Rotblat 1955 gegründet hatte. Pugwash wurde 1995 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Ebenso engagierte er sich für die Ärzte-Organisation IPPNW (International Physicians for the Prevention of Nuclear War); diese erhielt 1985 den Friedensnobelpreis.

Die vielen kleinen Anker, die Hans-Peter Dürr auswarf, haben Spuren bis heute hinterlassen. Ein Wurf galt den Vordenkern und Visionären aller Himmelrichtungen. Er rief und sie kamen. Das Resultat der bunten Versammlung am Starnberger See 1987 war eine interdisziplinäre NGO namens "Global Challenges Network". GCN machte die globalen Herausforderungen zu seiner Agenda. Es war die Zeit des Glasnost, und Dürr reiste gen Osten, traf sich mit Mikael Gorbatchov und Tschingis Aitmatov. Er reiste gen Westen, erzählte vom Osten, er wurde ein Handlungsreisender im Namen der Erde, der Zukunft, der kommenden Generationen. Der Physiker war jetzt Peacemaker. Noch zu seinen Lebzeiten hat "Global Challenges Network" eine Datenbank der weltweiten Akteure ins Netz platziert: WorkNet:future nennt sich das Netz im Netz. Arbeitsmaterial für den Weltgeist, auch ein bisschen Vermächtnis des Unermüdlichen, der den Krieg nicht nur in der politischen Arena sah, sondern den Frieden im Umgang mit der Erde suchte. Die Gasgewinnung durch Fracking tat ihm so körperlich weh wie die Gewalt von Syrien bis zur Ukraine.

Seine Unermüdlichkeit wurde von seiner Frau Sue bestärkt und geschürt, von den Kindern und Enkeln geachtet. Während er in China Vorträge hielt, hielt sie bei attac Sommerkurse für junge Weltveränderer; als Aktivistin stand sie ihm in Nichts nach. War er nicht auf Reisen, gingen beide vor dem Frühstück durch den Englischen Garten in München und erzählten einander ihre Erlebnisse, Erfahrungen, Hoffnungen, Zweifel. Und wenn Sue im Keller zum Tanz mit Gleichgesinnten einlud, dann achtete er darauf, diesen Termin auf keinen Fall zu verpassen. Die Großen draußen in der Welt wussten, dass sie ihn dann gehen lassen mussten.

Als engagierter Wissenschaftler appellierte er immer wieder an seine Kollegen, Verantwortung zu übernehmen und ihr errungenes Wissen für Zukunftsfähigkeit und Nachhaltigkeit einzusetzen, anstatt die Zerstörung der Welt zu beschleunigen. So sehr er es liebte, gedankliche Grenzen zu überschreiten, so sehr war er Mahner, wenn es um die Grenzen des Wachstums ging, die es zu achten galt. Viele Kollegen reagierten mit Ablehnung, Spott oder einfach Unvermögen. Er solle vernünftige Physik machen, beschieden sie ihm, er sei doch schließlich Naturwissenschaftler. Eben darum, sagte Dürr. Der Elementarteilchen-Physiker Murray Gell-Man, 1969 mit dem Nobelpreis für Physik geehrt, meinte einmal, es sei Heisenbergs größter Fehler gewesen, diesen abgehobenen Dürr als Nachfolger zu berufen, ein Typ wie der treibe die Wissenschaft ja gar nicht voran. "Voran wohin?", lautete der Kommentar des kopfschüttelnden Grenzgängers, als ihm Gell-Mans Meinung zu Ohren kam.

Als Jakob von Uexküll, der Gründer des Right Livelihood Award, in den neunziger Jahren das World Future Council gründete, lag es nahe, dass er sich gleich Dürr in den Ältestenrat holte. Diese Rolle des Ratgebers gefiel ihm und er füllte sie mit Elan aus bis kurz vor seinem Tod. Wie von Uexküll sah er sich als Possibilist. "Wir dürfen nicht aufgeben und die falschen Weichenstellungen nicht als gegeben und unveränderlich hinnehmen. Alles ist in Bewegung!" Er schätzte den Austausch mit indianischen Umweltaktivisten in den USA. Das indianische Denken sagte ihm zu. Die Wirklichkeit als Kreislauf von Kreisläufen – entsprach das nicht der ständigen Veränderung in der Quantenphysik?

Auf der Website von Global Challenges Network steht dieses Zitat, wenige Monate alt: "Wenn ich sterbe, habe ich kein Bewusstsein mehr, aber das, was ich gedacht habe, ist im Hintergrund aufgehoben. Es hat sich mit dem Weltgeist vermengt, hat das Gesamte als Information beeinflusst und steckt darin."