Schelme mit Schellen und Schärfe

Gerhard Polt: der Grübler

Gerhard Polt, Der Grübler

Gerhard Polt Foto © Claus Biegert


Der Herr Kern ist von großem, bildfüllendem Körperbau; neben ihm, seine Mitarbeiterin, das Fräulein Kraft ist eher eine Zierliche. Beide, Kern und Kraft, vertreten einen Energie-Großkonzern und haben einen zähen Kunden vor sich. Welche Zukunft er denn wolle, fragen Kern und Kraft: eine kraftvolle Zukunft oder eher "In Europa gehen die Lichter aus"? Der Kunde ziert sich, und der Herr Kern wölbt seinen Brustkasten und legt Schärfe in seine Rede: "Mit Energiesparen ist niemand geholfen, verdienen kann man nur am Energieverschwenden und dafür ist das Kernkraftwerk die ideale Lösung, verstehn Sie?" Lauter Applaus in der "Münchner Lach und Schießgesellschaft"; Gerhard Polt (Kern) und Gisela Schneeberger (Kraft) und Dieter Hildebrandt (Kunde) bringen die Sache auf den Punkt. Gilt es doch, Politikern und Stromanbietern heute wieder die Stirn zeigen, in diesen Zeiten der sogenannten Renaissance der Atomenergie. Doch der Sketch ist alt – das Strom-Duo Kern & Kraft hatte seinen Auftritt im Programm "Scheibenwischer" 1982, vier Jahre vor dem Gau in Tschernobyl.

Der Polt. Immer stochert der Mann da, wo es brennt, aber keiner den Rauch sehen will; rührt er, wo es stinkt, aber offiziell keiner was riecht. Und manchmal ist er dabei seiner Zeit voraus, wie ein Blick zurück zeigt. "Ein Vierteljahrhundert später sollen wir wieder für dumm verkauft werden, sollen glauben, die Atomkraft sei preiswert, sicher und alternativ, nahezu grün, das Gegenmittel zur Klimakatastrophe, haha", er schnaubt durch seine Nüstern, während er einen Zwetschgenkuchen zerteilt.

Die Stromversorgung ist sein Thema, sie hält ihn in Rage: "Würde die Atomenergie ohne Subventionen nach den Regeln der freien Marktwirtschaft operieren müssen, also ihren Müll frei-marktwirtschaftlich entsorgen, ihr Unternehmen frei-marktwirtschaftlich versichern, dann wäre der Strom um ein x-faches teurer als sämtliche nachhaltigen Energien." Jetzt klingt er wie ein Kommissar, der ein Verbrechen entwirrt: "Und wer ermöglicht das Ganze? Der Steuerzahler!" Der Mittäter ist überführt: "Der Steuerzahler ermöglicht mit seinem Geld, dass diese Monopolisten mit Dumpingpreisen die Alternativenergien außer Gefecht setzen. Ist das nicht der totale Wahnsinn?" Es ist ihm anzusehen, wenn er mit einer schlüssigen Formulierung zufrieden ist. Wird er sie für später archivieren? Er schmunzelt und bedient sich seines Lieblingsausdrucks, der aus Wien kommt: "Wird schubladiert."

Der Humorist macht es sich nicht leicht. Man sieht ihm den Skeptiker an, die Falten kommen nicht nur vom Lachen, vor allem auch von Grübeln. Polt-Sketche sind das Resultat intensiver Recherchen. Um dem nuklearen Energie-Wahnsinn die gefurchte Stirn bieten zu können, hat er sich lange mit zwei prominenten Atomkraft-Kritikern, dem Ingenieur und Technologie-Innovator Ludwig Bölkow und dem Arzt und Strahlenbiologen Edmund Lengfelder, zusammengesetzt und ist mit ihnen alle erdenklichen Szenarien durchgegangen. Nur wenn er in einem Thema sattelfest ist, kann daraus ein bissiger Hieb entstehen.

Mit dem politisch nicht korrekten Monolog "Mai Ling" wurde Gerhard Polt in den siebziger Jahren bekannt, Thema war der Sex-Tourismus nach Thailand: Herr Grundwirmer hatte sich eine Mai Ling schicken lassen und "ihre Staberl" gleich verbrannt; ein paar hat er ihr gelassen, zum Mikado spielen. Damit schuf er sich den Raum des Hofnarren, von da an gab es keine Tabus mehr. Längst hat er sich als Ethnograf im eigenen Land etabliert und läßt nichts aus in seinem Studium deutscher Verhaltensmuster. Das große Schema zeigt er gern "wie im richtigen Leben" (so der Titel einer 12-teiligen Fernsehserie mit Gisela Schneeberger) in der kleinen Szene. Den polyglotten Bayer – er spricht Schwedisch, Italienisch, Englisch – interessiert das Nahe, die kleine Welt um die Ecke: bevorzugt Wohnzimmer und Amtsstuben. Selbst bewegt er sich, wenn ihn nicht andere Bühnen oder gar die Düsseldorfer Rocker "Die Toten Hosen" rufen, in einem überschaubaren Dreieck: München-Schwabing, Neuhaus am Schliersee, Terracina am Mittelmeer.

Er mischt sich ein, gern in Gesellschaft des streitbaren Volksmusik-Trios "Biermösl Blosn", und weil bei fast jeder Misere auch ein Widerstand sich rührt, führt der Weg von der Bühne immer häufiger zum Ort der Mißstände. Wie zum Beispiel jüngst im Isental, einer bayerischen Idylle nahe der Ortschaft Dorfen, wo eine Trasse der Autobahn A 94 München-Passau nicht, wie von vielen gefordert, durch den Ausbau einer bestehenden Straße beschlossen wurde, sondern mittels einer Schneise durch ein Stück unverbaute Heimat. Polt stärkte mit seinem Besuch die Gegner, goss vor dem Mikrophon das Problem in den Satz, den dann der Bayerische Rundfunk übers Land verteilte: "Die Autobahn durchs Isental ist juristisch in Ordnung – nur sonst is a Sauerei!"

Wenn einer, sagt er, wenn einer eine Straße im Kopf hat, "dann sieht der sonst nix, seiner ganzer Horizont ist asphaltiert, und weil ein Straßenbauer kein Zoologe und schon gar nicht ein Ökologe ist, drum werden die Kritiker als Fröschezähler und Kaulquappennummerierer beschimpft." Wann ist den Verwaltern unserer Heimat dieses lebenserhaltendes Gefühl für die Natur abhanden gekommen? Polt, sonst schnell mit der Antwort, stützt den Kopf auf, fixiert einen Punkt in der Ferne, dann wird die Stimme entschieden, sie könnte jetzt von einen Richter stammen: "Nur wenn man etwas besessen hat, kann man auch einen Verlust anmelden." Und: "Diesen Herren ist nichts abhanden gekommen. Sie haben es nie besessen. Da hilft nix."

Dieses Unverständnis hat er einmal in einem Amtsschreiben der Stadt Miesbach an "Herrn Seattle, Komma Häuptling" zum Ausdruck gebracht; "Das angeblich rückläufige Flugaufkommen des Steinadlers wird durch erheblich zunehmenden Flugverkehr unserer Maschinen der Bundesluftwaffe mehr als kompensiert… Sie benutzen hier den vereinsrechtlich nicht relevanten Begriff Stamm ...Wir fordern Sie hiermit auf, Ihr steinzeitlichen Schmähungen aus der Peripherie ab sofort zu unterlassen, oder wir sehen uns gezwungen, gerichtliche Schritte gegen Sie zu unternehmen. Gezeichnet: i.A. Deutelmoser"

Es läutet. Hans Well kommt, Schweiß auf der Stirn, sein rotes Klapprad unterm Arm, und fragt, kaum durch die Tür: "Habts an Gottlieb gestern gseng?" Der Chefredakteur des Bayrischen Fernsehens hatte das Wort an die Zuschauer und an die Stromerzeuger gerichtet und um Einsicht gebeten, denn die Vernunft gebiete, der Kernenergie wieder den Vorrang zu geben. Well imitiert den obersten bayrischen Fernsehmann in Miene und Tonfall.

"Das ist ja eigentlich an Komik nicht zu überbieten" Polt lacht dieses abgehackte Lachen, das klingt als sei es bei einem früheren Gebrauch schon mal im Hals stecken geblieben, "Siegmund Gottlieb fleht um Einsicht, ja wo samma denn? Hamma denn da net was passendes da von früher?" Er steht auf und holt aus dem Bücherregal einen abgegriffenen grauen Leinenband ohne Umschlag, CIRCUS MAXIMUS steht auf dem Rücken; es sind seine gesammelten Werke. Er blättert. "Ha, da is was, des passt doch", und dann bekommt seine Stimme jenen nörglerischen Klang, der ihn berühmt gemacht hat: "Solarzellen, was soll denn des? Bei uns in Deutschland machen wir den Strom nicht mit Licht, sondern das Licht immer noch mit Strom."