"natur & kosmos", Juni 2002

Hansi. Meine Jahre
mit einer Elster.

Claus Biegert, 27, ohne Hansi

Claus Biegert, 27, ohne Hansi. Foto © Claus Biegert



Wir lernten uns im Mai nach einem Gewittersturm kennen. Sie war nass und rosa, das Gefieder stand spitz vom Körper ab, sie sah aus wie ein kleiner Punk. Ein großer Schnabel klappte auf und klagte. Ich war damals der Elsternsprache noch nicht mächtig, doch ich verstand: Hunger. Ob Quark das Richtige war? Oder eingeweichtes Brot? Ein Regenwurm? Eine Heuschrecke? Alles war richtig. Obgleich ich Elstern nie großes Interesse entgegengebracht hatte, war dieses vorzeitig aus dem Nest geworfene, noch flugunfähige Wesen binnen einer Stunde Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit. Und dabei sollte es bleiben. Meine Eltern segneten die Adoption ab, indem sie den Vogel Hansi tauften. Von nun an gehörte die Elster zur Familie. Sie war drei Wochen alt, ich war 14. Als Hansi dann eines Nachts tot von der Sitzstange fiel, war ich 27.

Hansi. Wir wussten nicht, war es eine Sie oder ein Er. Elstern sind monomorph: Die Geschlechter unterscheiden sich nicht im Gefieder. In meiner Familie war es "der Hansi", also maskulin. Freunde aus der Pfalz sagten "da Vochl", und die Saarländer, die jeden Sommer zu Besuch kamen, sprachen vom "rubbisch Hinkl", weil Hansi gern in ihrem Beisein badete und dann immer einem zerzausten Gockel ähnelte, mit seinen spitz abstehenden Federbüscheln. Zu einem tierärztlicher Geschlechtstest kam es nie, aber für mich war diese Elster eine Sie, rein vom Gefühl her, später las ich, dass männliche Elstern einen größeren Brustlatz hätten, und ich befand Hansis Latz als eher klein. In der Familie blieb es bei "der Hansi", aber sobald ich von unseren Erlebnissen erzählte, sprach ich von "ihr".

Wir hatten unsere Gepflogenheiten. Wenn die Goldruten im Spätsommer voll waren von Schwebfliegen, dann gingen wir die Blumenbeete ab wie ein Buffet. Hansi saß auf meinem abgewinkelten Arm und wartete, bis eine Fliege in Reichweite war. Ein Vorschnellen, ein Schnappen, ein Schlucken, weiter. Mein Blick auf Essbares übernahm mit den Jahren so stark die Elsternperspektive, dass mir selber das Wasser im Mund zusammenlief, wenn ich beim Umgraben eine pralle Made fand oder beim Mähen mit der Sense ein Mäusenest. Und mein Blick schärfte sich: Einmal sah ich, wahrend ich über den Hausaufgaben saß, aus dem Fenster urd bemerkte eine dunkle Bewegung auf dem Kies. Sofort raste ich nach draußen.

Es war eine Maulwurfsgrille. Ich griff schnell zu. Sie wehrte sich mit ihren vorderen Grabfüßen so stark, dass sie mir auf dem Weg zur Voliere wieder entglitt. Im Gras war es nicht so einfach, sie wieder zu fangen. Schließlich warf ich sie durch das Gitter des Flugkäfigs, und Hansi schoss auf den Boden und hatte ein Jagderlebnis, wie es in seinem Alltag nicht oft vorkam. Neben der täglichen Mischung aus Haferflocken, Quark, rohem Ei und einem Mehlwurm waren die Funde im Freien eine wichtige Ergänzung und eine gute Vorbeugung gegen Vitamin- und Mineralienmangel. Ich entwickelte mich bald zu einem geübten Heuschreckenfänger.

Auf Heuschrecken griff ich zurück, als der Tierarzt einmal Rachenwürmer diagnostizierte. Knoblauch und Karboldämpfe, lautete des Veterinärs Rat. Elstern fressen Vieles, aber keinen Knoblauch. Und sie sehen auch nicht ein, warum sie inhalieren sollen. Ich füllte also Heuschrecken mit Knoblauch und löste so das erste Problem. In meiner Phantasie sah ich uns ein gemeinsames Mahl einnehmen — Hansi rohe, gefüllte Grashüpfer; ich gesalzene, in der Pfanne geröstet. Für die Dämpfe mit Karbol stellte ich den Papageienkäfig – Hansis Domizil in kalter Jahreszeit – ohne Boden zwischen zwei Stühle, den dampfenden Topf darunter, eine Decke darüber. Nach vierzehn Tagen ließ das Röcheln nach, und bald waren die Würmer weg. Ich war stolz.

Wir hatten zwei kleine Zusammenstöße, die sich immer wiederholten: Hansi kannte die Schuhe der ganzen Familie, Winter wie Sommer. Wer mit neuem Schuhwerk in die Nähe kam, wurde mit einem Schäckern empfangen, dann flog die Elster sofort auf den Boden und rannte am Maschendrahtzaun der Voliere auf und ab. War sie in Freiheit, umkreiste sie die neu gewandeten Füße und traktierte das Leder mit kräftigen Schnabelhieben. Im Sommer vergaßen wir die ersten Jahre, dass barfuß auf Hansi wie ein neuer Schuh wirkte. Die andere Auseinandersetzung betraf Hansis eigene Füße. Da sich die Krallen im Gegensatz zu frei lebenden Vögeln weniger abnutzten, mussten sie geschnitten werden. Dies bedurfte immer zweier Personen: Die eine musste ihn mit zwei Händen halten, die andere stutzte die acht Krallen. Nie hat er sich an die Pediküre gewöhnt. Jedesmal schrie und winselte er, als ginge es ihm an den Kragen. Doch danach folgte schnell die Versöhnung mit einem Stück Butter. Gleich kamen leise Töne der Verzückung. "Alles okay?" fragte ich, und die Antwort war ein selbstbewusstes Krächzen.

Wir hatten unsere Spiele. Während die Elster im Volksmund silberne Löffel stibitzt, machte sich Hansi nichts aus blitzenden Dingen. Objekte seiner Begierde waren Radiergummis und Bahlsen-Leibnizkekse. Während die Bürogummis bereits seiner gewünschten Größe entsprachen, mussten die Kekse noch zurechtgehackt werden. Dann suchte er ein geeignetes Versteck, meistens waren es die Fransen des Teppichs. Sie wurden an einer Stelle auseinandergelegt, so wie man einen Haarschopf scheitelt. In die entstandene Lücke kam die Beute, dann wurden die Fransen, abwechselnd von links und rechts, über das kostbare Objekt gelegt. Ein kurzes Umkreisen, den Kopf tief am Boden, die Arbeit überprüfend: Nichts war mehr zu sehen. Dann hüpfte Hansi zu mir zurück, tat, als sei nichts geschehen.

Ich ging daraufhin langsam zu der Erhöhung der Fransen und rief, obwohl vom Versteckten nichts zu sehen war, mit hoher, gedehnter Stimme: "Oh, oh, was sehe ich denn da?" Wie ein Pfeil war Hansi neben mir, legte den Kopf auf die Seite, umkreiste die heikle Stelle, schien schließlich zu der Einsicht zu kommen, dass ich ihn zum Besten hielt, und hüpfte wieder weg, in einem Stil, der mir vorkam, als wollte er mir klarmachen, er habe mich durchschaut. Daraufhin nahm ich ein paar Fransen beiseite und zerstörte das Versteck. Dann wiederholte ich meinen aufgeregten Ruf, und wieder kam er an. Doch diesmal sah er sofort, dass ich nicht geflunkert hatte, schnappte sein Eigentum und bearbeitete es mit dem Schnabel. Es flogen die Gummiflocken. War es ein Keks, dann fraß er ihn auf. Es konnte aber auch sein dass wir das Ganze noch zwei, drei Mal wiederholten. Beliebt war auch ein Zeitungsstoß am Boden. In den 13 Jahren unseres Zusammenseins verging kaum ein Tag ohne gemeinsames Spiel. Das Zerreißen von Papier gehörte auch immer dazu. Ein Blatt Papier wurde dann interessant, sobald ich es in die Hand nahm. Sofort riss er und rupfte er, bis die Fetzen so klein waren, dass er sie nicht mehr mit den Krallen halten konnte. Manchmal gelang es Hansi, etwas ohne mein Wissen zu verstecken Kamen wir dann Wochen später in dieses Zimmer oder in die Ecke des Gartens, dann flog er zielgerichtet auf den Fleck zu, wo er beim letzten Mal eine seine Kostbarkeiten verborgen und getarnt hatte. War der Gegenstand verschwunden, dann umkreiste er den Platz und gab empörte, abgehackte Laute von sich. Über Hansis Fähigkeit, nie den Überblick über seine Verstecke zu verlieren, machte ich mir keine großen Gedanken. Bis ich vor einiger Zeit von den Elstern-Forschungen an der Ruhr-Universität Bochum erfuhr.

Drei Biopsychologen – Helmut Prior, Bettina Pollok und Onur Güntürkün – beschlossen, jene Tiere zu ihren Forschungsobjekten zu machen, die sie täglich vor Augen hatten: die Elstern auf dem baumbestandenen Campus. Der Entschluss war schnell in die Tat umgesetzt. Eine lange Leiter nebst Kletterseil wurde besorgt – und eine behördliche Genehmigung. Dann wurden aus zwei Nestern acht Elsternjunge geholt und aufgezogen. "Wir waren rund um die Uhr beschäftigt", erinnern sich die Vogeleltern, "wenn wir den achten Schnabel gestopft hatten, fing der erste wieder an zu schreien." Kaum waren den Jungen Federn gewachsen, begann die protokollierte Beobachtung. Dass Elstern aufwändige Nester bauen und zu den höchst entwickelten unter den Singvögeln zahlen, war gemeinhin bekannt, aber vergleichende Forschungen lagen nicht vor. Bisher haben nur der Graupapagei und der Laufsittich Kakariki bei derartigen Intelligenztests hohe Leistungen gezeigt. Das Bochumer Team stellte hohe Erwartungen an seine Zöglinge, da Elstern als futterhortende Vögel ein ausgeprägtes Erinnerungsvermögen und Raumgedächtnis brauchen. Die erste Studie widmete sich daher der Fähigkeit des Findens, der von dem Schweizer Zoologe und Entwicklungspsychologen Jean Piaget (1896 – 1980) eingeführten so genannten "Objektpermanenz". Die drei Wissenschaftler wurden in ihren Erwartungen bestätigt: Harvey, Lilly, Schatzi, Gerti, Goldi, Jackie, Jörg und Juan zeigten bereits im Alter von vier Wochen ein erstaunliches Erinnerungsvermögen, zehn Wochen nach dem Schlüpfen erreichten alle beim Suchen von Löffeln und Leckereien die Stufe 6 von Piagets Rangliste.

Nach dieser Hürde schritt man zum nächsten Test. Im Raum stand die Frage: Können Elstern eine Vorstellung von sich selbst entwickeln? Diesmal folgten die Forscher dem experimentellen Weg des amerikanischen Psychologen Gordon Gallup und setzten den einzelnen Vögeln einer Spiegel vor. Gallup hatte Anfang der siebziger Jahre mit Schimpansen gearbeitet. Damit sie die Versuchsvorbereitungen nicht bemerkten, hatte er die Tiere betäubt und jene Körperstellen mit Farbe markiert, die sie selbst nicht direkt sehen konnten. Wieder aus der Narkose erwacht, beobachtete er die Affen – mit und ohne Spiegel im Käfig. Diejenigen Schimpansen, die einen Spiegel hatten, berührten sich wesentlich häufiger an den markierten Stellen als Tiere ohne Spiegel. Aus diesem selbstbezogenen Verhalten schloss Gallup, dass Schimpansen sich selbst im Spiegel erkennen. Versuche der Universität Münster mit Orang-Utans führten zu ähnlichen Ergebnissen.

Die Bochumer Elstern erhielten unterhalb des Schnabels einen farbigen Fleck. Mit ihren seitlichen Augen können Vögel diese Stelle nur im Spiegelbild wahrnehmen. Prior: "Wir nahmen eine ungiftige, leicht abwaschbare Farbe. Jede Elster bekam den Punkt zweimal, einmal in Rot und einmal in Schwarz, denn ein schwarzer Punkt ist auf dem schwarzen Latz nicht zu sehen." Und tatsächlich war bei einem roten Punkt die auf den Kehlbereich gerichtete Aktivität wesentlich höher, als wenn der Fleck nicht zu sehen war. Die Tiere begannen sich zu putzen. In Kontrollversuchen konfrontierte man sie mit ausgestopften und lebenden Elstern markiert wie auch nicht markiert hinter einer Glasscheibe, doch die Spiegel-Reaktionen blieben aus. Helmut Prior schränkt dennoch ein: "Man muss bei der Beurteilung sehr vorsichtig sein, wenn man das Verhalten eines Affen vor dem Spiegel mit dem eines Vogels vergleicht. Ein Primat hat zwei Hände und kann also zwei verschiedene Bewegungen ausführen, während er weiterhin auf sein Bild im Spiegel blickt. Ein Vogel kann das nicht."

Prior ist von der außergewöhnlichen Intelligenz der Elstern überzeugt, zögert aber noch: „Was heißt das, wenn ein Tier vor dem Spiegel auf den eigenen Körper reagiert? Ist Selbstbezogenheit identisch mit Selbsterkennen? Wir sind mit unseren Experimenten da noch nicht am Ende, zumal weitere Testreihen nicht immer ein eindeutiges Ergebnis brachten. Die Stammesgeschichte der Tiere ist bezüglich gewisser Fähigkeiten außerdem keine Scala naturae, keine Stufenleiter mit dem Menschen an der Spitze. Bestimmte Eigenschaften und Leistungen können in verschiedenen Verzweigungen des Stammbaums auftreten und auch wieder verschwinden. Wenn Graupapageien, Runde und Elstern eine höhere Stufe der Objektpermanenz erreichen als Affen, mit Ausnahme der Menschenaffen, dann bedeutet das nicht, dass Hunde generell klüger sind als Rhesus- oder Kapuzineraffen. Die Stufe 6 der Objektpermanenz kann für Elstern und Hunde von Vorteil sein, für viele Affenarten aber nicht."

Die Uni-Elstern werden weiter wissenschaftlich untersucht. Demnächst gilt es herauszufinden, ob Elstern das Wissen anderer erfassen können. Bislang gibt es hierzu nur eine Episode, die der britische Ornithologe Tim R. Birkhead in dem Werk "The Magpies" beschreibt: Zwei Elsternpaare sind auf einer Weide in der Grafschaft Sheffield bei der Futtersuche, halten sich dabei an ihre Territorien. Beide Paare sind in der Balzzeit, zu erkennen an den Männchen, die ihren Weibchen in nur geringem Abstand folgen und dabei jede Kopfbewegung nachahmen. Das Pärchen, das dem Beobachter näher ist, hat bereits Eier im Nest, und das Weibchen befindet sich noch in seiner Fruchtbarkeitsphase. Jetzt fliegt das Männchen auf eine zerfallene Mauer, während die Partnerin, wenige Meter von ihm entfernt, weiter durchs Gras schreitet. Birkhead schreibt "Auf einmal bemerkte ich, wie der Kopf des Männchens auf der Mauer nach unten sank. Es war eingeschlafen, und sein Kopf konnte nicht mehr über die Mauer blicken. Innerhalb weniger Sekunden flog das Männchen des anderen Paares aus dem Nachbarterritorium herüber und bestieg das Weibchen am Boden. Während der Kopulation gab sie einen kurzen Schrei von sich. Der Ton weckte das Männchen auf: Es hob den Kopf, sah die Szene, flog von der Mauer, verscheuchte den Eindringling und trieb sein Weibchen zurück ins Nest." Der Konkurrent hatte die Schwäche des anderen erkannt und sofort seine Chance genutzt. Wie wird man an der Ruhr-Universität den Versuch anlegen? "Harvey versteckt ein Fundstück", erklärt Prior, "und Goldi und Lilly sind mit im Raum. Verhält sich jetzt Harvey beim Verstecken anders? Sichert er sein Versteck? Ist er in Sorge, dass Goldi oder Lilly sein Objekt klauen?"

Als Elsternmensch weiß ich, dass die schwarzweiße Crew gut abschneiden wird. Wenn Hansi seine Schätze, egal ob Gummi oder Gebäck, zu verbergen trachtete, dann begann ein Flug durch mehrere Zimmer, um unerwünschte Beobachter abzulenken. Also widmeten sich alle, die gerade im Blickfeld waren, anderen Beschäftigungen, studierten die Zeitung oder verließen den Raum, wir taten alles Mögliche, um ihm das Gefühl zu geben, er sei unbeobachtet. Nur wenn er sicher war, keine Zeugen zu haben, verbarg er seinen Fund, fünf Sekunden reichten. Sprach ich Hansi während des Versteckens an, ließ er den Gegenstand sofort im Schnabel verschwinden.