Natur&Kosmos, Januar 2012

Haltung.
Kretschmann.

Winfried Kretschmann image copyright Claus Biegert

Winfried Kretschmann, Deutschlands erster Grüner an der Spitze eines Bundeslandes


Das Schiff ist randvoll. 566 Nachwuchsforscher aus 77 Ländern wimmeln auf den drei Etagen des edel ausgestatteten Schnellboots; mittendrin 23 ehrwürdige Köpfe aus den Naturwissenschaften: Nobelpreisträger. Und nicht zu übersehen die Banner mit der Botschaft: "Your first Step to Stockholm: Baden-Württemberg". Zwei Komparsen in rehbraunem Plüsch – einer als schwedischer Elch, der andere als schwäbischer Adler – hampeln über die Bildfläche. Wir sind auf dem Bodensee, die "Sonnenkönigin" steuert die Blumeninsel Mainau an. Der Ausflug ist der Abschluss des jährlichen Treffens der Nobelpreis-Träger in Lindau, zu denen immer vielversprechende Talente rund um den Erdball eingeladen werden. Besonderer Gast an Bord ist Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Deutschlands erster Grüner an der Spitze eines Bundeslandes.

Lindau und Bayern liegen hinter uns, wir schwimmen nun in baden-württembergischen Hoheitsgewässern, der Mann von der Schwäbischen Alb tritt auf die Bühne und spricht über die Welt und sein Land und zitiert den Slogan vom ersten Schritt nach Stockholm. Bescheidenheit sei eine Zier, sagt er mit einem Schmunzelton, doch weiter komme man ohne ihr; dann untermauert er den Volksmund mit Fakten: Baden-Württemberg habe acht Nobel-Preisträger vorzuweisen, also sei ein bisschen Unbescheidenheit erlaubt. Er lobt die Naturwissenschaften, aber nicht, weil es sein Amt und der Auftritt auf der "Sonnenkönigin" verlangen. Kretschmann hat selbst Biologie und Chemie studiert und nach dem Staatsexamen 1977 an Gymnasien in Stuttgart, Esslingen, Mengen und Bad Schussenried unterrichtet. Aber nach fünf Jahren war sein Hang zur grünen Politik stärker. War er schon immer ein Grüner? Nein, bekennt er, auch er habe die "68er Sozialisation in linksradikalen K-Gruppen an der Uni Hohenheim durch gemacht." Nach diesem "fundamentalen politischen Irrtum" öffnete er sich dem grünen Gedankengut und war mit dabei, als sich die Grünen in Baden-Württemberg gründeten, mit fünf anderen zog er 1980 in den Landtag ein; sechs Jahre später holte ihn Joschka Fischer ins erste grüne Umweltministerium nach Hessen. Dort galt er als penibler Wissenschaftler, der die Naturgesetze nie der Politik unterwarf.

Darauf nimmt er jetzt Bezug: "Die Fakten kommen zuerst, dann muss die Politik folgen. Wenn die Politik zuerst kommt, dann werden gewöhnlich die Fakten angepasst." Diese politische Praxis werde es bei ihm nicht geben, versichert er.

Da steht er, im hellgrauen Sommeranzug, mit einer Krawatte, die mit ihrem grüngelbem Schrägmuster kein Blickfang ist, dafür sorgt schon mehr sein berühmter Bürstenschnitt. So hat er sich wahrscheinlich auch als Lehrer gekleidet, er ist nicht der Typ für teures Tuch, nur weil ein gesellschaftlicher Aufstieg auch eine neue Garderobe rechtfertigen würde. Er steht da und ist Kretschmann: offen, immer dialogbereit. Man kann sich auch vorstellen, wie er seine Versuche im Chemiesaal kommentiert hat, wie er immer ein Ohr für die Schüler hatte. Er spricht, wie einer spricht, der sich eben zuerst mal die Fakten anschaut, und wie einer, der gewohnt ist, zuzuhören. Aber da ist noch etwas: Er spricht, als wolle er genau das sagen, in diesem Moment. Er schaut auch nicht aufs Blatt. Die berühmten Politikerphrasen fehlen.

"Er ist kein Freund von Textbausteinen", sagt Arne Braun, der Chef seiner Presseabteilung, der ihn ständig im Auge behält. "Und er irritiert oft die Reporter, weil er nie um den Brei rum redet und genau auf die Frage antwortet, nicht mehr und nicht weniger. Und wenn er was nicht weiß, sagt er, er wisse es nicht". Das will Kretschmann offensichtlich auch als Erkennungsmerkmal heraus stellen, denn auf seiner Website schreibt er: "...und natürlich wird erwartet, dass ich zu jedem Thema sofort etwas Kluges sagen kann, das jedem wohl – und niemandem wehtut. Auf Letzteres lasse ich mich allerdings nicht ein. Auch Politiker können nicht alles wissen und schon gar nicht sofort. Und wer nie aneckt, hat keine Haltung."

Haltung. Was für ein altmodisches Wort. Nicht, dass Haltung keine Rolle mehr spielen würde, man hört nur nicht mehr davon. So, wie man auch von Anstand nichts mehr hört. Für Kretschmann, der sich als "in der Wolle eingefärbten Katholiken" bezeichnet, sind derartige Charakterzüge Voraussetzung für gute Politik, für fairen Umgang miteinander. Wie würde er seine Rolle formulieren? "Meine Verantwortung ist es, zu integrieren und zusammenzuführen und die gemeinsamen großen Linien herauszuarbeiten," sagt er.

Wenn er spricht, mit seiner Färbung von der Alp, etwas schwer die Zunge, dann lauscht man gern. Allein schon sein Tempo offenbart: Nachdenken ist ihm wichtiger als Schlagfertigkeit. In der Sammlung europäischer Staatsfiguren gibt er den politischen Karikaturisten wenig Angriffsfläche, in seinem Auftreten ist nichts Lächerliches, nichts Großspuriges, nichts Mächtiges, keine Spur von Diva, kein Hauch von Heiligkeit. Aber da ist Haltung.

"Nur einer wie der Winfried kann so ein Amt meistern", sagt Achim Bergmann, Gründer und Geschäftsführer des Münchner Musik-Labels Trikont – Unsere Stimme, "er ist ein neuer Typ von Politiker, ein Mann für Bürgernähe, das signalisiert er aus allen Poren." Bergmann, ein undogmatischer Alt-Linker, kann sich ein Urteil erlauben. In den Achtziger Jahren gehörte er, zusammen mit Kretschmann, zu den Ökolibertären. "Wir waren ein Diskussionsclub, ein grüner Think Tank, weder Fundis noch Realos, meistens genau dazwischen, denn wir wurden von beiden Seiten angepisst", erinnert sich Bergmann. Sie trafen sich unregelmäßig an wechselnden Orten, meistens waren sie um die zwanzig, manchmal bis zu fünfzig. Als Kretschmann sein Amtszimmer in Stuttgart bezog, rief er seinen Freund Achim in München an. "Unsere Gemeinschaft von damals hat für mich die Grundlagen für heute gelegt", sagte er. Achim hat sich nach dem Telefonat mit Winfried nochmal das gemeinsame 20-seitige Manifest von 1988 hervorgeholt. Für 3,-- DM in Briefmarken, einschließlich Rückporto, konnte man die "Versuche über Perspektiven grüner Politik" damals bestellen. Der Titel, mit Hand schräg über die Seite geschrieben, lautete: "Von der Größe des Kleinen".

Wer den politischen Menschen Winfried Kretschmann verstehen will, dem kann ein Blick in die ökolibertären Schriften viel offenbaren. "Wissenschaft und Forschung im menschlichen Maß, das ist nicht zuletzt auch ein Problem der Größe. Wollen wir wieder zu einem technologischen Verfahren finden, in denen Menschen experimentieren können, ohne dass das Experiment zum Ernstfall werden kann; Verfahren, die wir im Kleinen erproben, schrittweise testen und selbst verantworten können, so ist das nur auf dem Wege über eine regionale und strukturelle Dezentralisierung der modernen Großtechnologien vorstellbar. Small is beautiful.Die Schönheit des Kleinen, erstmals so definiert in den siebziger Jahren von dem Ökonomen E. F. Schumacher, ist sie noch eine Orientierung? "Ja," wird er später in einem ruhigen Moment sagen, "auch heute muss gelten: Dem Großen nur, was das Kleine nicht vermag!"

Er geht von Bühne. "Passen Sie auf, hauen Sie sich nicht den Kopf an!" ruft ihm der Moderator nach. Rasch und unbeirrt tritt Kretschmann zur Treppe – und haut sich den Kopf an. Er zuckt nicht einmal. "Beratungsresistent", murmelt Pressemann Arne Braun und lacht hinter vorgehaltener Hand. Kretschmann gesellt sich zu seinem Pressemann, erzählt lachend von einer TV-Talkshow am Abend zuvor. Jetzt hält er die Hand vor. Zwei Finger zeigen einen dunkelblauen Bluterguss unter den Nägeln. Darauf angesprochen liefert er sofort die Erklärung: Er sei Heimwerker, mit Leib und Seele, und bei Bauarbeiten an seinem Haus sei ihm eine Steinplatte auf die Hand gefallen. Bei einem der Bürgernähe zu seinem Regierungsstil erhoben hat, sind blaue Fingernägel kein Stilbruch.

Die Blumeninsel wächst heran. Wir stehen nahe der Reling, die Sonnenkönigin verlangsamt ihre Fahrt. Das Program ist absolviert, jetzt hat der Vielgefragte ein Ohr für den Reporter aus München. Die Gelegenheit, um das Projekt Stuttgart 21 anzusprechen. Er zieht die Stirn kraus: "Das ist veraltete Moderne. Viel hilft viel. Und egal, was es kostet." Jetzt ist er der Lehrer, der sagt, wo es lang geht: "Wirkliche Modernität heißt, unter knappen Ressourcen – ich liebe knappe Ressourcen, denn nur die machen den Menschen kreativ – ein gutes und lohnenswertes Ziel zu erreichen. Die Moderne der Zukunft ist funktional, sie setzt nicht mehr nur auf die Hardware. Und in dem Sinne sind die Grünen die moderne Partei. Sie lassen sich von einem futuristischen unterirdischen Bahnhof, der ein wenig an Abu Dhabi erinnert, nicht blenden."

Noch zehn Minuten bis zur Insel: Technikfolgenabschätzung. Was löst dieses Wort in ihm aus? "Wir können vieles einfach nicht abschätzen. Das ist Teil des Problems. Wer hätte, als wir Grünen anfingen, an das Internet gedacht. Das ist doch ungeheuerlich: Die Zivilgesellschaft hat durch das Internet ein Medium gefunden, in dem sie sich frei flottierend organisieren kann. Das Überraschende daran ist für mich, dass mit diesen neuen Medien der Selbstorganisation die Bürger in einer gestaltenden Weise – und nicht mehr nur kritisierend oder als reine Verhinderer – eingreifen können." Noch ein Wort zur Zukunft des Autos? "Für den Verkehr brauchen wir meiner Meinung nach das Großprojekt satellitengestützte PKW-Maut. Den Staus hinterherbauen zu wollen – das ist eine veraltete Vorstellung von Moderne. Und Car-Sharing gehört in die Moderne. Von Daimler gibt es das Projekt Car2go in Ulm. Man holt den Smart via Handy irgendwo ab und lässt ihn dann einfach stehen, wenn man ihn nicht mehr braucht."

Ein Student im Ringelhemd schiebt sich heran. Er fragt, ob er mit dem Ministerpräsidenten sprechen dürfe. Pressebegleiter und Sicherheitsbeamte machen ihm bereitwillig Platz. Kretschmann beugt sich vor, aufmerksam. Der Student stellt sich vor, Julian Köhler heißt er. "Sie sind mein grüner Obama", sagt er, leicht vibriert die Stimme, "und drum muss ich Ihnen einiges sagen. Ich spreche außerdem für mehrere." Er kritisiert die Rede, die etwas grüner hätte sein können. Kretschmann nickt. "Ja," sagt er dann bedächtig, "da haben Sie vielleicht Recht, sie hätte grüner sein können." Das klang nicht nach Small Talk. Man kann sich vorstellen, dass er seiner Frau am Abend von Julian Köhler erzählen wird.

Auf der Mainau ist am Hafen eine kleine Bühne mit Mikrophon aufgebaut. Kretschmann ist noch nicht bereit, ein Schnürsenkel ist offen. Er geht zu einem Mäuerchen und bindet die Schleife. Es fällt kaum auf, er ist einfach ein Mann, dem ein Schuh aufgegangen ist. Als er sein Amt antrat, sah man ihm noch auf die Füße. Diverse Politjournalisten erinnerten sich an Joschka Fischer, der in Turnschuhen zur Vereidigung kam, und fragten sich, was wohl für ein Schuhwerk zu Winfried Kretschmann passen würde. Bergschuhe, war da zu lesen. "Wanderstiefel waren mir schon immer das liebste", bekennt er, "besonders wenn ich mit meiner Frau und Kindern in der Natur unterwegs war."

Noch einmal ans Mikrophon. Von dieser Insel aus, sagt er mit seinem Schmunzelton, sei der Schritt nach Stockholm jetzt noch kürzer: denn die Inselverwalterin, Bettina Bernadotte, Gräfin von Wisborg, sei direkt mit dem schwedischen Königshaus verwandt. Dann wendet er sich nach hinten – "Theresia komm doch bitte auch rauf" – und ruft die Wissenschaftsministerin Theresia Bauer zu sich, die bis jetzt ausschließlich wissenschaftliche und wirtschaftliche Gespräche geführt hat. Bevor er ihr das Mikrophon überlässt, entschuldigt er sich: "Es tut mir leid, aber ich muss zurück, die Regierungsgeschäfte rufen mich." So spricht ein Diener seines Staates.