Erschienen in "natur + kosmos", Juni 2008

Unsere Fußabdrücke in den Ferien sind eine Katastrophe!

Big Foot

Big Foot, Craig Eldon Reishus, creative commons


Herr Hickman, immer noch ohne Wagen? Bei unserem letzten Gespräch 2006 anläßlich Ihres Buches "Fast nackt" fuhren Sie und Ihre Frau ausschließlich Fahrrad und U-Bahn.

Nein, ich habe das erste Mal in meinem Leben jetzt ein Auto gekauft, zwar gebraucht und mit Flüssiggas, aber es ist ein Auto. Ich traue es mich kaum zu sagen.

Was hat zu diesem Gesinnungswandel geführt?

Es ist kein Gesinnungswandel. Aber wir wohnen nicht mehr in London, ich bin mit meiner Familie aufs Land in meine Heimat Cornwall gezogen, und ohne Auto sitzt man dort fest. Dafür haben wir jetzt einen Gemüsegarten.

Und wie läßt sich das Landleben mit Ihrer Arbeit beim Guardian vereinbaren?

Ich nehme einen Schlafwagen, wenn ich nach London muß. Zum Bahnhof ist es nicht weit.

Wann kam der Entschluss, die Pauschalreisen aufs Korn zu nehmen?

Wir wohnten im Süden von London. Wenn ich nachts nicht schlafen konnte und die Maschinen nach Heathrow kommen und Heathrow verlassen hörte, dann lag ich im Bett und überlegte, wohin fliegen wie wohl alle und warum? Fliegen sie in Ferien? Wissen sie überhaupt, dass man Ferien machen kann ohne zu fliegen? Ich habe ja inzwischen gemerkt, dass man auch mit Zug und Fahrrad einen großartigen Italienurlaub erleben kann. Und dann bin ich der Sache nachgegangen, wie man das halt macht, wenn man Journalist ist.

Und dann haben Sie eine Weltreise unternommen – also das, wovon Sie uns abbringen wollen.

Um den ungebremsten Strom der Pauschalreisen zu beschreiben, mußte ich mich erst einmal in diesen Strom hineinbegeben. Ohne Widersprüche geht es eben so gut wie nie. Jetzt hoffe ich, dass mein starker ökologischer Fußabdruck dazu beiträgt, dass künftig die Fußabdrücke der Ferienreisenden schwächer werden.

Wie schaut denn der CO2-Fußabdruck einer gemütlichen Kreuzfahrt aus?

So ein Schiff verbraucht in der Woche 900.827 Liter Schwerbenzin.

Mit welcher Erkenntnis sind Sie von Ihrer Erdumrundung zurück gekehrt?

Tourismus ist eine Industrie, die nahezu unkontrolliert ihr Unwesen treibt. Hotelketten und Reiseunternehmen haben diese Branche gemeinsam in der Hand. Und in den seltensten Fällen gibt es ein Ministerium für Tourismus, das die Landschaftsveränderungen überwacht und die Menschenmassen lenkt oder bremst.

Welcher Schauplatz kommt Ihnen da zuerst in den Sinn?

Die Vereinten Arabischen Emirate.

Erzählen Sie!

In Dubai existieren Megahotels von nicht mehr zu überbietendem Luxus in Kunstlandschaften, die ins Meer hinaus gebaut werden, mit Mobilfunkmasten als Palmen getarnt, mit einer täglichen Produktion von 30 Tonnen Kunstschnee in einem abgeschlossenen Ski-Center, die eigentliche Welt wird ausgeblendet – gleich daneben wird die Gewalt gegen Frauen toleriert, Auspeitschen existiert als offizielle Strafe und bittere Armut herrscht bei den Arbeitern.

Und was ist den Regionen, von denen es heißt "sie leben vom Tourismus"

Es gibt Ausnahmen, Bhutan und Costa Rica sind da zu nennen, sie kontrollieren die Invasion. Aber in den häufigsten Fällen werden die Gewinne zwischen wenigen Auserwählten aufgeteilt, die gar nicht im Reiseland leben. Es hält sich hartnäckig das Klischee, dass sich das Leben der Arbeiter automatisch verbessert, wenn sie eine Stelle in der Tourismusbranche finden. Viel zu viele Angestellte, vor allem in den sogenannten Entwicklungsländern, aber sind Lohnsklaven, die sich eine traurige Existenz zusammenkratzen.

Konnten sie mit einem Lohnsklaven reden?

Ja, in einem 5000 Betten-Hotel in Thailand. Es war mir eigentlich verboten, aber da ich einen Übersetzer bei mir hatte, konnte ich ein Zimmermädchen im Gang ansprechen. Man hatte von ihr verlangt, erst einen Monat umsonst zu arbeiten, bevor sie den Job bekam. Ihr Gehalt betrug etwa 25 Euro im Monat. Sie war 15 Jahre alt und von Heimweh geplagt. Mädchen wie sie sind natürlich gefährdet, in die Falle des Sex-Tourismus zu fallen. Ihr trauriges Gesicht sehe ich noch immer vor mir. Wir sind empört und überrascht, dabei setzen wir den Prozess in Gang.

Wo genau liegt unsere Schuld?

Wenn wir immer billigere Ferien verlangen, dürfen wir uns nicht wundern, dass am Ferienort gespart wird. Es hat mir fast das Herz gebrochen, zu sehen, unter welchen Bedingungen die Arbeiter im mexikanischen Ferienort Cancún leben mussten. Unser Verlangen nach billiger Wintersonne führt unweigerlich zu niedrigen Löhnen der Kellner, Zimmermädchen, Gärtner, Taxifahrer und anderer Bediensteten, die unseren Urlaub erst ermöglichen. Wir schauen auch weg, denn wir wollen uns erholen. Wir haben hart für unsere zwei Wochen in der Sonne gearbeitet. Und wir sind nicht in den Urlaub gefahren, um uns Sorgen zu machen.

Was für die Menschen gilt, gilt ja auch für die Behandlung der Natur und ihrer Ressourcen...

Ja, eine Mischung aus politischer Unfähigkeit und bauunternehmerischer Gier scheint dazu zu führen, dass in den Ressorts der Welt immer wieder der gleiche Raubbau betrieben wird. Die Wasserversorgung war an allen Orten, die ich besuchte ein Problem.

Es gab also nichts zu lachen auf Ihrer Tour um den Erdball?

Am Berg Athos konnte ich zumindest schmunzeln: Seit 1971 haben die griechisch-orthodoxen Mönche in ihrem Gebetbuch ein neues Gebet: "Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, hab Erbarmen mit unseren heiligen Klöstern, die gegeißelt sind vom weltlichen Tourismus. Schenke uns eine Lösung und beschütze unsere Brüder, die schmerzlich ermüdet sind von dem modernistischen Geist dieser westlichen Eindringlinge."

Überall gehen die Zahlen in der Tourismusbranche nach oben. 2006 waren 840 Millionen Urlauber unterwegs, 2010 soll die Millionengrenze überschritten werden. Ist ein Zusammenbruch überhaupt noch zu vermeiden?

Der Wachstum führt, man sollte es nicht meinen, auch in dieser Industrie zum Nachdenken. Man fängt an, zu erkennen, dass die Gefahr besteht, genau die Posten zu zerstören, von denen das Überleben der Industrie abhängt. Also das Bild vom Mann, der den Ast absägt, auf dem er sitzt.

Sind Sie auf neue Ideen gestoßen?

Ja, das Centre for Future Studies in England hat ein interessantes Modell vorgestellt: Für sensible Kulturschauplätze wie zum Beispiel Taj Mahal, Machu Pichu oder Venedig stehen vor dem Zusammenbruch. Eine Lotterie, über das Internet ausgeschrieben, würde gleichzeitig das Besucherkontingent kontrollieren und verhindern, dass nur Wohlhabende sich die Reise leisten können. Den Gewinnern würde dann erlaubt, entsprechend verschiedener Preisklassen und verfügbarer Zeiträume, den Ort zu besuchen.

(Seine Frau ruft von hinten, erinnert ihn an die Uhrzeit) Sorry, ich muß meine Sachen packen. Ich fahre aufs Festland.

Wohin geht es?

Nach Italien. Ich stelle mein Buch vor.

Sie fahren mit den Schlafwagen?

Selbstverständlich – eine wunderbare Art, dem Ziel näher zu kommen.

Tschüss, Herr Hickman!