erschienen in "pogrom", Heft 5/ Dezember 2015

Talking Rock aus dem roten Amerika

John Trudell, Munich, 1987, image copyright Claus Biegert

John Trudell, München, 1987 Foto © Claus Biegert


John hatte zwei Leben: Als Aktivist von Alcatraz und Frontfigur des American Indian Movement – und als Poet und Pop-Star und ein Stimme von Turtle Island. Das zweite Leben und seine Karriere begann für den indianischen Widerstandskämpfer im Februar 1979, dem Jahr, in dem er in Washington die US-Flagge verbrannte. Ein Jahrzehnt davor war er Wortführer der "United Indians of all Tribes" – Vereinigte Indianer aller Stämme – , die die ehemalige Gefängnisinsel Alcatraz besetzten, um in den ehemaligen Kerkern eine indianische Universität einzurichten. Er startete den Inselsender "Radio Free Alcatraz", bis die Staatsgewalt nach 19 Monaten das alternative Projekt mit Gewalt beendete. Schon damals war Musik, dabei: Die Rock-Band Creedance Clearwater Revival kam übers Wasser und zeigte, dass das andere Amerika künftig auf Seiten der ersten Amerikaner sein würde. Dieses andere Amerika sollte John in seinem späteren Leben noch zum Klingen bringen. Nach Alcatraz trat er dem American Indian Movement (AIM) bei, jener pan-indianischen Widerstandsbewegung, die in Minneapolis-St. Paul ihren Anfang genommen hatte, die sich als Nicht-Organisation bezeichnete und quer durch Nordamerika die geschwächten Stämme vereinte und immer wieder mit spektakulären, militanten Aktionen auf sich aufmerksam machen sollte.

Am 15. Februar 1946 in Omaha, Nebraska als Sohn eines Dakota und einer Mexikanerin geboren, hatte er zuerst ein Medienstudium begonnen, dann in Vietnam gekämpft, bevor er die Seiten wechselte und eloquent die USA der Menschenrechtsverletzungen und die Industriegesellschaft der Erdzerstörung anklagte. Sechs Jahre lang leitete er AIM.

Alcatraz war ein Meilenstein. Ein weiterer war Wounded Knee. Im Februar 1973 folgten die Stadtindianer aus Minneapolis-St.Paul einem Hildruf der traditionellen Oglala-Lakota und besetzten den historischen Ort in dem Reservat Pine Ridge im US-Bundesstaat South Dakota, an dem die 7. US-KavallerieIm Reservat Pine Ridge im US-Staat South Dakota herrschte in diesen Jahren Bürgerkrieg. Voraus gegangen war die Besetzung von Wounded Knee im Februar 1973. Traditionelle Lakota (gemeinsam mit Dakota und Nakota als Sioux bekannt), die die Regierungsform ablehnten, die das Bureau of Indian Affairs (BIA) eingeführt hatte, standen sich regierungstreuen Stammesmitgliedern gegenüber, den sogenannten "Good Indians". Die Stammesältesten hatten AIM um Hilfe gebeten und AIM kam. Die Besetzung des Ortes, an dem im Dezember 1890 die 7. US-Kavallie über 200 unbewaffnete Männer, Frauen und Kinder der Minneconjou-Lakota niedergemetzelt hatte. Nun bekam der Ort eine neue Bedeutung; 71 Tage hielten die Besetzer dem US-Militär stand.

Das FBI versorgte die "Guten" mit Munition und Bier und nutzte den Zwist, um in der Zeit rund 2000 ihrer "Special Agents" im Reservat auszubilden. In diese Ära fällt der berühmte Schußwechsel vom 26. Juni 1975, bei dem zwei FBI-Agenten und ein junger Indianer tot zurück blieben. Als Mörder der Agenten wurde Leonard Peltier ausgesucht und zu zweimal lebenslänglich verurteilt – Beweise gab es nur gefälscht. Peltier, seit 1976 in Haft, wird von Amnesty International als politischer Gefangener geführt. Trudell, schon immer wortgewaltig und dies auch in der Tat, verbrannte am 11. Februar 1979 als Protest den Sternenbanner vor der Zentrale des FBI.

In der folgenden Nacht fing das Haus seiner Schwiegereltern auf dem Shoshone-Reservat Duck Valley im Bundesstaat Nevada Feuer; seine schwangere Frau Tina, seine drei Kinder und seine Schwiegermutter verbrannten. Das Feuer wurde nie untersucht. In Trudells Augen war es ein Racheakt des FBI; Beweise dafür gab es keine. Er war nah daran, sein Gleichgewicht für immer zu verlieren. Um sich zu retten, griff der Aktivist zu Papier und Stift und heilte sich durch Poesie. Er schrieb und schrieb und produzierte "Lines" – Zeilen –, wie er sich ausdrückte. Seine ersten Büchlein "Living in Reality" und "Stickman" sind Kult.


Ich traf John das erste Mal im Frühjahr 1977 auf der Franklin Avenue in Minneapolis. Wir fuhren über den Mississippi von Minneapolis nach St.Paul und von St. Paul nach Minneapolis. John plötzlich: Elvis tought us how to move, he made us feel alright. We Indians will need music, our movement needs to dance. Elvis showed us how. Resistance will not work without music." Diese Worte im Auto waren wieder da, als ich "Baby Boom Che" hörte, stark die Gitarre von Jesse Ed Davis, Elvis-Melodien zitierend, und dann Johns Stimme, rauh, intim, fordernd: "You wanna know what happened to Elvis? I'll tell ya what happened. I oughta know, man, I was one of his army. I mean, man, I was on his side, He made us feel all right."

John war ein früher Anti-Atom-Aktivist. Im Sommer des Tschernobyl-Jahres 1986 standen wir zwischen Wacholderbüschen auf der Hochebene von Big Mountain. Crow Dog hatte einen Sonnentanz zu den Navajo gebracht, um den Widerstand der Navajo gegen gewaltsame Umsiedelung zu unterstützen. Von dort hörten wir Gesang, es war ein Hintergrund, wie ihn John gern verwendete. Ich erzählte ihm vom Landrat Hans Schuierer, der sich gegen die Wiederaufbereitsanlage von Wackersdorf wehrte. Ich entwarf einen Plan, John nach Bayern zu holen, ihn mit dem Landrat bekannt zu machen. Es blieb ein Plan.

Wir, die wir in der deutschen Anti-Atom-Bewegung gegen Uranabbau kämpften, waren in engem Kontakt mit der Cree-Aktivistin Adele Ratt aus Saskatchewan. Adele starb 2014, John hatte mit ihr zwei Kinder. Durch Adele war für uns auch John immer präsent.

John ging barfuß auf die Bühne. Es war seine Art, seinen Auftritten ein Gefühl von Bescheidenheit zu geben. Er hat uns alle berührt. Er war ein Fänger: Menschen blieben an seinen Worten hängen und blickten dann auf die Ureinwohner von Turtle Island, die sie vorher nicht wahr genommen hatten. Seine Töne wurden von Mal zu Mal präziser, schärfer, radikaler ohne nie die Werte zu vergessen, auf die es ihm ankam: Liebe und Verantwortung. Die Bewertungen der Musikkritiker waren meist euphorisch; die Bewertung des FBI konnte sich daneben sehen lassen: "Very eloquent ... very dangerous".


Nach einer Lesung in Los Angeles, Anfang der Achtziger war das, kam ein Indianer aus dem Publikum auf ihn zu und sagte, er hätte die Musik zu Johns Worten. Es war der Sänger und Gitarrist Jesse Ed Davis, ein Kiowa, in der Welt des Pop seit George Harrisons "Concert for Bangladesh" ein bekannter Name. John und Jesse produzierten ihr erstes Tape: "Grafitti Man". Der Wortkünstler warf seine Lines auf den Klangteppich, den der Rock-Musiker vor ihm ausbreitete.

Dann ging alles seinen Gang. Ein Freund ließ bei einer Party die Kassette in die Rocktasche von Bob Dylan gleiten und der meldete sich schon bald, ließ wissen, nur gewisse Talente seien Meister im Talking Rock, Talente wie Lou Reed oder eben John Trudell. Eine Zeitlang ließ Dylan in den Pausen seiner Konzerte Trudells Tape laufen. Jesse Ed Davis hatte gute Kontakte in der Musikbranche, die ersten gemeinsamen Auftritte wurden gebucht – da fand man den Musiker am Boden in einem Waschsalon: Überdosis.

Trudell schrieb neue "lines" und stellte eine neue Truppe zusammen, Jackson Brown half ihm dabei, er fand zusätzlich einen indianischen traditionellen Sänger, Quilt Man, und produzierte Album um Album; insgesamt vierzehn, dreimal erhielt er den Native American Music Award. Seine Töne wurden von Mal zu Mal präziser, schärfer, radikaler ohne nie die Werte zu vergessen, auf die es ihm ankam: Liebe und Verantwortung. Er begann, in Filmen aufzutauchen, "Thunderheart" von Michael Apted und "Smoke Signals" von Chris Eyre ragen dabei heraus, schließlich wurde ein Film über ihn gedreht und preisgekrönt: "Trudell" von Heather Rae. Mit dem Folksänger Willie Nelson gründete er das "Hempstead Project Heart", um den Hanfanbau für Baumaterial und Kleidung voran zu treiben, auch im Hinblick auf kleine, regionale Wirtschaftsmodelle in den Reservaten. Dies war auch der Beweggrund, als er mit seiner letzten Lebenspartnerin Marcheline Bertrand die Stiftung "All Tribes Foundation" gründete. Beide Initiativen sind heute Vermächtnis: Bertrand starb im Januar 2007. John Trudell folgte ihnen am 8. Dezember 2015. Er starb, umgeben von seinen Kindern und Freunden in seinem Haus im Santa Clara County in Nord-Kalifornien.

–Nachruf von Claus Biegert.
Eine gekürzte Version erschien am 10. Dezember 2015
in der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel "Feuer".