Erschienen in der Süddeutschen Zeitung am 21. Januar 2011

Agitator mit Zauberringen:
Richie Havens wird heute 70

Richie Havens, Newport Folk Fest

Richie Havens, Newport Folk Fest, Foto von Laura Fedele, flickr creative commons


Mit ihm begann eines der legendärsten Gipfeltreffen der Pop-Generation: das Woodstock Festival im Sommer 1969 im US-Staat New York. Als Richie Havens seinen Auftritt beenden wollte, wurde er nicht nur von tausendfachem Applaus auf den Wiesen zum Weitermachen animiert, auch hinter der Bühne drängten sie ihn wieder nach vorn. Denn er war nicht nur der erste Musiker, er war auch der einzige. Die Highways waren verstopft, die nachfolgenden Künstler nicht in Sicht, die Organisatoren in Panik. Und Richie sang weiter, Zugabe folgte auf Zugabe, nach fast drei Stunden ging ihm das Repertoire aus. Da kam ihm zu Gute, dass er als Sechzehnjähriger in Brooklyn zu den McCrea Gospel Singers gehört hatte. Er experimentierte mit dem Spiritual "Sometimes I feel like a Motherless Child", unermüdlich tanzte die ringbestückte Hand über die Gitarre, und plötzlich entschlüpfte ihm ein Schrei: "Freedom".

"Freedom" wurde die Nationalhymne einer Generation; der Dokumentarfilm "Woodstock" hatte daran einen guten Anteil. "Freedom" singt Richie Havens noch immer, in kleinen Clubs oder bei großen Ereignissen, wie Nelson Mandelas Ankunft in den USA, ein Markenzeichen gewissermaßen, doch mit einem Unterschied: In Woodstock sang er mit zahnlosem Oberkiefer; mit dem Durchbruch kam das erste Geld, und das investierte er in ein Gebiss.

Im New Yorker Stadtteil Brooklyn kam er zur Welt, neun Kinder waren sie, er war der älteste, die Straße war für ihn Bühne. Als er die Schule hinter sich hatte, wandte er sich ein paar Meilen nach Norden, über die Brooklyn Bridge nach Manhattan, in die magische Künstlerszene von Greenwich Village, die Magnet war und Droge und die bis heute in der amerikanischen Folkmusik nachhallt. "Erst trug ich Gedichte vor, daneben verdiente ich mir mein Geld mit Porträtzeichnen. Die Nächte verbrachte ich in den Folkclubs und saugte die Musik in mich auf. Es dauerte, bis ich selbst zur Gitarre griff."

Die hat er bis heute fest im Griff. Neben seinen eigenen Songs interpretierte er mit seiner Soulstimme Bob Dylan und die Beatles und gab deren Stücken seinen eigenen Stempel; 1967 kam seine erste Platte heraus, "Mixed Bag"; 1968 schaffte es sein Album "Something Else Again" in die Hitliste der Musikzeitschrift Billboard. Jährlich kam damals ein Werk, er war gut eingebettet, sein Manager war Albert Grossman, der auch Dylans Karriere überwachte. In der etablierten TV-Talkshow von Johnny Carson reagierte das Studiopublikum so enthusiastisch, dass Carson ihn bat, doch am nächsten Abend wieder zu kommen; das war bisher nur Barbara Streisand passiert.

Seine Finger sind bewehrt mit großen Schmuckstücken und verleihen ihm die Aura eines Zauberers, der an seinen Ringen dreht, um die Dinge zu verändern. Verändern ist sein Anliegen, mit Gitarre und ohne, bis heute ist er Aufklärer, Agitator, Visionär. Das National Music Council verlieh ihm 2003 den begehrten American Eagle Award; er, hieß es in der Begründung, "steuert eine einzigartige und inspirierende Stimme bei, in der sich Eloquenz, Integrität und soziale Verantwortung vereinen.", Für seine Rolle des Gesellschaftskritikers schlüpft er in die Rolle eines afrikanischen Geschichtenerzählers. Gern schlachtet er heilige Kühe, zum Beispiel die hehren Worte des amerikanischen Fahneneids: Die sind nämlich, so recherchierte er, nichts anderes als der einstige Werbetext einer Fahnenfirma. Im Fokus seiner immerwährenden Kritik steht das amerikanische Fernsehen, das "die Bürger stumpf macht, statt sie aufzuwecken, das sie mit Katastrophen füttert, statt Lösungen zu propagieren". Jahrelang ging Havens mit dem Konzept für ein Gegen-TV-Programm – Weekend Future Television – hausieren, das aber kein Sender haben wollte.

Schon früh bewegte ihn die Ignoranz der Industrienation USA. In den Siebzigern war er Mitgründer des Northwind Undersea Institute in der Bronx, in den Neunzigern folgte die "Natural Guard", beides Einrichtungen für ökologische Erziehung. "Wir müssen dafür sorgen, dass die Stadtkinder, die vielleicht einmal über Fragen der Natur und über unserer Zukunft entscheiden werden, eine Ahnung haben wovon sie reden", sagt er. Ist Richie Havens ein Lehrer, der auch singt, oder ein Sänger, der auch lehrt? Als Zauberer ist er beides. Mit all seinen Fasern und Fingern. Zu seinem 70. Geburtstag gönnt sich der Reisende etwas Unerwartetes: Er macht ein paar Monate Pause.