Erschienen in der Süddeutschen Zeitung am 6. Dezember 2007

Alles in Bhudda: Im Zhiwa Ling, Bhutans erstem einheimischen Privathotel

Zhiwa Ling

Zhiwa Ling Foto © Claus Biegert


Die ersten Strahlen der Sonne berühren gerade die höchsten Schneegipfel im Westen, als ein rot gewandeter Mann mit roter Mütze die von Gebetsfahnen gesäumte Auffahrt einbiegt. Er öffnet eine schwere, hohe Doppeltür, durchquert eine von vierkantigen, geschnitzten und bunt bemalten Säulen getragene Halle, steigt in den zweiten Stock, streift vor einem Raum seine Schuhe ab und tritt vor den goldenen Schrein Buddhas. Jeden Morgen füllt Lopen Kinzan die sieben Messingschalen auf dem Altar mit geweihtem Wasser, danach zündet er Rauchwerk an. Mit ihm vollziehen Tausende von Mönchen und Nonnen in Bhutan jeden Morgen diesen Ritus, in abgelegenen Klöstern wie in den Dzongs, jenen Klosterfestungen aus dem 17. Jahrhundert, um die sich heute die wenigen Ortschaften des Königreichs scharen.

Lopen Kinzan jedoch unterscheidet sich von den anderen Geistlichen der bergigen Monarchie: Der Altar steht in keinem der spirituellen Stätten, sondern im Zhiwa Ling, Bhutans erstem privatem Hotel. Lopen ist hier der "resident monk", der Hausmönch. Zhiwa Ling bedeutet: Platz des Friedens.

Das Zhiwa Ling wird seinem Namen gerecht: Westlich von Paro, thront es in der traditionellen, trutzigen Dzong-Architektur am Hang, mit flachen Granitsteinen ummauert, von drachenreichem Holzdekor gesäumt, inmitten eines Parks mit geschwungenen Linien; ein Bach, der von den Bergen kommt, wird in weichen Windungen durch das Anwesen geführt, kleine Hindernisse lassen in wirbeln, lichte Töne springen aus dem Sprudel wie von vielen Xylophonen. Nahe dem Hotel wird der Bach zu einem Wasserfall, weitet sich dann zu einem Seerosenteich und verlässt das Gelände zwischen acht kleinen Häusern mit je vier Suiten. Diese schmalen Häuser tragen die Namen der acht Symbole des Tashi Dagye – im Himalaya- Buddhismus die acht Symbole eines erfüllten Lebens. Die Ausstattung der Räume hält den Versprechungen der Symbole stand und steht den weitläufigen und eleganteren Suiten im Haupthaus in nichts nach. Luxus zwischen Drachen.

"Alle großen Gebäude Bhutans sind Dzongs", sagt Ugyen Rinzin, Besitzer des Hotels und Gründer der Touristikfirma Yangphel, "also lag es nahe, bei einem großen Hotel die traditionelle Architektur eines Dzong aufzugreifen." Tatsächlich kommt einem die Hotelhalle sofort in den Sinn, wenn man Tage später und einen Pass von Paro getrennt, strumpfsockig den an Farben überbordenden Gebetsraum des Dzongs von Punakha abschreitet. Wie in den Jahrhunderte alten Schnitzereien laufen auch in den Säulen des Hotels lange Sprünge vertikal durch das Holz, trennen Drachenköpfe in zwei Hälften oder Blumen von ihren Stengeln. "Wir haben das Holz nicht getrocknet, die Sprünge gehören dazu, sie erinnern uns daran, dass das Material einmal lebendig war und die Natur ihren eigenen Willen hat." Buddhistisches Bauen ist mehr als nur das Festhalten an Formen.

Ugyen Rinzin hat den Architekten Peter Kämpf 1992 beim Trekking kennen gelernt, bei einer Tour, die er führte. Sieben Jahre später schreibt er Kämpf eine E-Mail: Ob er sich vorstellen könne, ein Hotel für ihn zu bauen? 2002 beginnen die Bauarbeiten. Ähnlich geriet Hoteldirektor Hans J. Keller, ebenfalls aus der Schweiz, auf seinen Posten: Im September 2006 schreibt er auf eine Anzeige im Internet, er sei ein pensionierter Hotelier, einen solchen suche man doch. Vier Monate später kommt Rinzins Antwort: Ja, er sei an ihm interessiert. Das Tempo im Himalaya kennt keine Hektik.

Eine Entdeckung der Langsamkeit ist für den Gast auch das Decken der Tische im Speisesaal. Die Mädchen heißen Dechen, Pema, Ash Maya, ihre grazilen Hände legen Servietten und Besteck mit Anmut und Präzision, es ist ein Ballett zarter Finger in Zeitlupe. Die Lunchkarte wird gereicht, der 21jährige Mukesh präsentiert sie im Gleichklang zu den Bewegungen der Mädchen. Choreographie in der Gastronomie.

Das Angebot von Küchenchef Sonam Yogi, ungeachtet seines Namens ein großer Blonder aus Schweden, verbindet geschickt indische und lokale Küche mit europäischen Rezepten. Der Kräutergarten, den Hans J. Keller gleich nach seiner Ankunft anlegen ließ, liefert Estragon, Koriander, Oregano, Thymian und Rosmarin; üppig schmückt Sonam damit die Teller, bevor sie die Küche verlassen. Bald stehen Curries, Linsenbrot, Chutneys, Fleischbällchen in Rotweinsauce, Spinatpfannkuchen mit Austernpilzen an Ingweryoghurt und rosa Filets von Rindern aus dem hiesigen Hochland auf dem Tisch. Wir sprechen über die Zukunft des 100jährigen Königreichs, das im Frühjahr 2008 in eine Demokratie übergehen wird; über die Chancen und Gefahren für ein Land, das durch seine schroffe Geografie uneinnehmbar und unattraktiv ist für die benachbarten Großmächte, das seinen Reichtum in der Natur hat, gleichzeitig "für keine Summe der Welt" Bergsteiger oder Jäger ins Land lässt und das ein "plastikfreies und rauchfreies Bhutan" propagiert; über die Verführungskraft der Medien und das staatliche Fernsehen, das keine Gewaltfilme zeigt. Und natürlich ist die Rede vom "Gross National Happiness", dem Bruttosozialglück, das, wenngleich statistisch nicht sicher erfassbar, auf königliche Initiative dem Bruttosozialprodukt übergeordnet ist. Autonomie plus Utopie – Höhenluft scheint hohe Ziele zu schaffen.

Ugyen, er stellt sich mit Vornamen vor, ist ein schlanker, hochgewachsener Mann in seinen Vierzigern, mit königlichem Gestus und weicher Stimme. Seine ebenmäßigen Züge mit dem geschwungenen Schnitt der schmalen, aufmerksamen Augen sind nicht außergewöhnlich hier, die Schönheit der Gesichter in den Straßen lässt einen oft inne halten, Bhutan Bevölkerung kennt außerdem noch kein Übergewicht. Einmal sinniert er, als er den Rotwein hebt, und es klingt wie der Trinkspruch eines Außerirdischen: Warum der Westen nicht aus seinen Fehlern lerne? Warum die Konzerne nicht sehen, dass sie durch durch den Raubbau ihre eigene Existenz zerstörten? Warum die Ehrfurcht vor der Natur entschwinde? Hotelier Keller, der inzwischen bei uns sitzt, hat, als habe er die Fragen geahnt, ein Sachbuch aus den Neunziger Jahren dabei: "Robots Rebellion" von David Icke. Er klopft als Antwort auf den Deckel:"Da steht alles drin!" Er reicht es seinem Gegenüber. Ugyen schiebt das Buch über dem Bauchgurt, dem Kera, in seinen knielangen Gho, den traditionellen Umhang, der wie ein Kimono geschnitten ist; dort hat er auch sein Mobiltelefon verstaut. Erst wenn im Gho beim besten Willen kein Platz mehr ist, greifen Bhutans Männer zu einer Tasche.

Amerikanische Laute. Eine Reisegruppe drängt an die Tische. Viele tragen noch den weißen Schal, den das Personal bei Ankunft den Gästen um den Hals legt. Kommt ein hochgesteller Rinpoche oder Lama, wird der Direktor gerufen, sobald der Wagen auf der Straße gesichtet wird. Keller eilt dann vor den Eingang und wartet, die Arme mit dem Schal vor sich ausgebreitet, bis seine Heiligkeit den Schal nimmt und ihm, Keller, umlegt. Einmal ging es schief. Keller amüsiert: "Ich verharrte in meiner Demutshaltung, den Blick gesenkt, da höre ich die verzweifelte Frage: What should I do? Der vermeintliche hohe Gast war ein amerikanischer Tourist. Put it over my head, zischte ich." Der Mann tat, wie ihm geheißen und das versammelte Personal, so Keller, "lachte, wie ich sie noch nie habe lachen hören". Dabei ist Lachen hier Alltag; in der Halle hängt eine Collage aus den Köpfen der 80 lachenden Mitarbeiter.

Gruppen, die absteigen und weiterziehen – das befriedigt Keller nicht. Er will erreichen, dass der "Platz des Friedens" auch zum Bleiben verführt. Sein Plan: "Buddhismus ist der Way of Life dieses Landes, also habe ich die großen buddhistischen Lehrer der Welt eingeladen". Alle haben zugesagt, von Dezember bis August nächsten Jahres werden sie zu einwöchigen Seminaren ins Zhiwa Ling kommen; zu ihnen gehören H. E. Sogyal Rinpoche, H. E. Khenchen Rinpoche, Matthieu Ricard, Francesco Garri Garripoli, H.E. Gangteng Tulku Rinpoche. Keller: "Jeder Teilnehmer ermöglicht mit seinem Geld die Teilnahme einer Person aus Bhutan. Damit wird jeder Gast zum Spender." Im "Tashi Delek", der Bordzeitschrift der königlichen Fluglinie Drukair (gesamte Flotte: vier Jet-Flugzeuge für je 152 Passagiere) nimmt das Programm bereits einen besonderen Platz ein. Für den lebhaften Schweizer Pensionär Hans J. Keller ist die Ausdehnung ins Spirituelle nichts Außergewöhnliches. "Mit Vierzig war ich bloß ein netter Marketingmann," erzählt er, "dann haben mir einige Erlebnisse die Augen geöffnet." In den 80er Jahren baute er ein Mini-Öko-Dorf in North Carolina, später – als Vizepräsident des Penta in New York oder des Plaza in London – pflegte er immer Kontakt zu den alternativen Denkern der Metropolen.

Wir gehen zum Meditationshaus am höchsten Punkt des Parks. Ein Hund schläft auf dem Weg. Wir steigen über ihn, so wie wir in Paro, in Thimpu oder Punakha über Hunde gestiegen sind. Die meisten Hunde Bhutans öffnen nicht einmal ein Auge, wenn ein Schuh neben ihren Kopf tritt oder ein Auto sie knapp umrundet. Sind sie ein Spiegel des Buddhismus? Spätestens nach Mitternacht wird man von dieser Illusion befreit, wenn die wilden Horden hundertstimmig bellend durch die Straßen jagen, Territorien und Essensfunde verteidigend. Dem Zhiwa Ling wird in diesem Punkt eine Sonderstellung zuteil: Nachts hört man nur den kleinen Wasserfall, vielleicht den Wind in den weichen Nadeln der Blaukiefern.

Der Blick aus dem Nordfenster des Meditationshauses trifft über den goldenen Scheitel Buddhas genau auf das "Nest des Tigers": In fast 3000 Metern Höhe klebt das Kloster Taktsang am Felsen. Padma Sambhave, der Begründer des Buddhismus in Bhutan, so geht die Sage, ritt auf einem Tiger, entkam seinen Verfolgern, und fand an dieser Stelle Sicherheit und bezwang die Dämonen der Gegend. Das soll im Jahr 747 unserer Zeitrechnung gewesen sein. Der Aufstieg ist ein beliebter Ausflug, zwei Stunden für einen Weg müssen Ankommende aus dem Flachland einrechnen, vielleicht auch mehr. Die jungen Mönche springen ins Tal und wieder hoch, während man selber noch Luft holt.

Das "Tiger's Nest" ist auch ohne Höhenmeter atemberaubend. Diese Selbstverständlichkeit, mit der dieses Bauwerk aus dem 17. Jahrhundert am Berg sitzt, verdient einen Architekturpreis und die Adelung der UNESCO zum Weltkulturerbe. Im April 1998 brannten große Teile des Klosters ab, und der König gab das Geld für den Wiederaufbau; dies erklärt seinen frischen Eindruck.

Wieder im Tal, empfiehlt sich ein heisses Steinbad, nur wenige Schritte vom Meditationshaus entfernt. Badewasser im Holzkasten, erhitzt durch glühende Steine aus dem Feuer, ist eine alte Methode in Bhutan, Vergnügen und Medizin zu verbinden. Die Steine mineralisieren das Wasser. Als wir danach, mit geröteter Haut und offenen Poren, von Mukesh bedient werden, erzählt er, dass in seinem Dorf die heißen Bäder immer wie eine Party sind – mit viel Wein unter dem Sternenhimmel. Uns schmeckt das Weizenbier "Red Panda", das, wen wundert's, ein Schweizer eingeführt hat und hier braut. Weißbiergaumen, die den Weg hierher finden, dürfen sich freuen.

Ob wir "Erma datsi" kennen, will Mukesh wissen. Erma Datsi? Nein, kennen wir nicht. Dann bringt er, zum bestellten Essen, als Dreingabe eine Schüssel voll grüner Chilis gekocht in Käse. Mit einer Verbeugung legt er noch das Rezepts für das Nationalgericht neben den Teller, er hat es auf dem Laptop gerade geschrieben – mit seiner E-Mail-Adresse für Feedback. Bhutan will hören, was die Welt draußen denkt.